Kunstort im Spannungsfeld von Dorfplatz und Kunsthalle

Das Gemälde Dorftanz unter der Linde von Ludwig Knaus illustriert ein dörfliches Fest in der Mitte des 19. Jahrhunderts zur Entstehenszeit der Malerkolonie Willingshausen.

14.01.2022 | Es fällt nicht schwer in Willingshausen eine Mitte oder so etwas wie ein Zentrum zu finden. Geografisch markiert wird dies durch eine zentrale Straßenkreuzung. Von Alsfeld im Süden, Bad Hersfeld im Osten, Marburg in westlicher Richtung und Kassel im Norden kommen ganz unterschiedliche Wegeverbindungen hier zusammen. In einem Radius von dreihundert Metern gruppiert die Ortslage eine Anzahl ortsbildprägender Gebäude mit kunstgeschichtlicher Vergangenheit. Es ist noch nicht lange her, dass nur ein Steinwurf entfernt ein Dorfplatz eingeweiht wurde als Ergebnis überwiegend ehrenamtlicher Arbeit von Ortsbürgern. Damit wurde in Willingshausen eine Agora geschaffen, beschattet von einer alten Linde mit halbkreisförmig ansteigenden Sitzreihen und der Anmutung eines Amphitheaters. Eine Schwengelpumpe steht als Metallskulptur für traditionell Dörfliches, wozu gepflanzte Dachplatanen mit ihrer städtischen Anmutung konstrastieren. In dieser neu gestalteten Dorfmitte lädt eine Klanginstallation zur Betätigung ein – Spielplatz nicht alleine für Kinder. Die Widmung „Dorfplatz“ betonen explizit Buchstaben aus Metall. Dazu findet sich eine Übersichtstafel zum Kunst- und Kulturweg (KuKuksweg), der zum Gang auf den Spuren der Maler in Ortslage und Feldflur einlädt.

Das Herrenhaus der Familie von Schwertzell ist in Sichtweite gelegen und hat ab 1814 Gerhardt von Reutern länger als Gastquartier gedient. Dort hat von Reutern begonnen hat sich der Malerei zu widmen. Das vormalige Schwertzell´sche Rentnereigebäude wurde von der Gemeinde Willingshausen Ende der 1980iger Jahre erworben. Darin hat das „Malerstübchen“ neue Residenz gefunden. Als Gerhardt-von-Reutern-Haus fungiert es mit seiner Lage an der zentralen Straßenkreuzung als Gebäude für Nutzungen mit Bezug zur einstigen Malerkolonie in Willingshausen. 

Künstlerförderung für zeitgenössisches Kunstschaffen seit 25 Jahren

Eine folgenreiche Entscheidung zur Belebung und Innovation in Willingshausen wurde mit der Auflage eines Künstlerstipendium Willingshausen durch die Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen vor über 25 jahren getroffen. Zusammen mit Art-regio, dem Schwalm-Eder-Kreis, der Kreissparkasse Schwalm-Eder und der Gemeinde Willingshausen wurde eine wertige Einrichtung zur Förderung junger Künstler/innen konstituiert. Zwei Stipendiaten jährlich werden zum dreimonativen Arbeitsaufenthalt eingeladen, der dann in einer Ausstellung im Ort einmündet. Außerdem erhalten die Geförderten eine Katalogfinanzierung.

In der Kunsthalle Willingshausen präsentierte Emilia Neumann ihre plastischen Arbeiten entstanden im Künstlerstipendium. Sternbald-Fotografie Hartwig Bambey

Inzwischen haben 52 Künstler ihren Arbeitsaufenthlat in Willlingshausen erlebt und sich nach ihren je eigenen künstlerisch-thematischen Orientierungen mit unterschiedlichen Darstellungsformen als Maler, Grafiker, Medienkünstler oder plastische Arbeitende eingebracht. Damit wurde in Willingshausen Raum für junges Kunstschaffen gelegt. Verbunden damit ist ein gewolltes und wahrnehmbares Spannungsverhältnis zwischen dem Werk der Willingshäuser Maler im 19. und 20. Jahrhundert und zeitgenössischem Kunstverständnis und Arbeitsweisen geschaffen. in 25 Jahren sind nicht nicht geringe Fördermittel in den Ort geflossen, wo etwa die Vermieter des Hirtenhaus als Quartier der Stipendiaten für 6 Monate jährlich feste Einnahmen realisieren konnten.

Dem Künstlerstipendium folgte 2005 Bau der Kunsthalle in Willingshausen

Das Künstlerstipendium mit jährlich zwei Kunstausstellungen hat maßgeblich dazu beigetragen, dass man sich zum Bau der kleinen Kunsthalle Willingshausen entschlossen hat. Zwei Mal präsentieren sich darin die Stipendiaten und setzen so im „Malerdorf“ Akzente. Einigen Stipendiaten ist es gelungen Kontakte zu knüpfen bis hin zu Kunstprojekten mit der Einbeziehung von BewohnerInnen.

Selina Schwank wurde durch Corona als Stipendiatin weitghend ausgebremst. Ihr Ausstellungstitel „Halbe Tage“ spielte darauf an. Sternbald-Foto Hartwig Bambey

Die meisten Stipendiaten freilich haben ihre Projekte autonom realisiert und anschließend präsentiert. In Willingshausen hat damit zwischen 1996 und 2005 eine signifikante Entwicklung stattgefunden, die dem Malerdorf Neues in impulsgebender Weise bescherte. Damit folgte auf Jahrzehnte, in denen lediglich sommerliche Kurse von der Malschule Willingshausen angeboten wurden und dann und wann eine Ausstellung mit Werken eines Malers aus der Vergangenheit angeboten wurde, eine innovative Phase.

Fehlende Verknüpfung von Tradition und Innovation

Zeichnung als Karikatur aus 1913 von Wilhelm Thielmann mit Malern im Malerstübchen.

Als „Markenkern“ existiert im Ort das „Malerstübchen“ in doppelter Weise. Mobiliar und Ausstattung des viele Jahre von den Malern als Kommunikationsort genutzten Malerstübchen konnten bewahrt werden, indem die Maler selbst einen Verein gründeten. Der Verein Malerstübchen Willingshausen e.V., ursprünglich als Verbindung der Maler untereinander initiiert, existiert bis heute. Im Lauf der Zeit sind Interessierte Mitglied geworden, denen Taditionspflege angelegen war ohne selbst Maler oder Künstler zu sein. Es gab mehrere Versuche das Malerstübchen samt wachsenden Bilder- und Archivbeständen aus Willingshausen wegzuholen. Dem wurde deutlicher Widerstand von der Vereinigung und aus dem Dorf entgegen gesetzt. Womöglich überformen diese Erfahrungen heutige Einstellungen, die in den vergangenen 10 Jahren als tiefsitzende Abwehr von Fremden praktiziert wurden. Kunsthistoriker mussten mehrfach die befremdliche Erfahrung machen, dass sie unerwünscht seien und ihnen Zugang zum Archiv verwehrt wurde.

Ignoranz verhindert Präsentation zeitgenössischen Kunstschaffens

In der Kunsthalle unterm Wursthimmel der Diskurs über Kunst als Botschaft(er) bei der Finissage von Janosch Feiertag, dem 52. Stipendiaten, im November 2021 war als dialogisches Angebot eine seltene Ausnahme. Sternbald-Foto Hartwig Bambey

Wer heute als Besucher das Foyer der Willingshäuser Kunsthalle betritt, kann sich der aktuellen Ausstellung zuwenden oder kann den Gang in das Malerstübchen unternehmen, wo ihn Mobiliar und überlieferte Wandbilder erwarten. Angrenzend gibt es Kunstdrucke von bekannten Werken und wenige Originale gehängt. Ein Besuch in Willingshausen offenbart damit bestenfalls ein Nebeneinander. Wer Ausschau hält nach einer „Junger Kunst“ mit Werken von inzwischen 52 Künstlerinnen und Künstlern, die als Stipendiaten gewirkt haben, wird enttäuscht werden.

Kurator Balkenhol und Stipendiat Feiertag im Gespräch in der Kunsthalle Willingshausen. Sternbald-Foto Hartwig Bambey

Bisher verweigert man in Willingshausen dafür Aufnahme und Präsentation. Es gibt zwar Ankäufe durch Bürgermeister resp. die Gemeindeverwaltung. Diese wandern in das Rathaus im Ortsteil Wasenberg, wo einige isoliert als Wandschmuck dienen. Ein Großteil befinde sich im Depot, war vom nunmehr in Ruhestand gegangenen Gemeindeoberhaupt Vesper zu erfahren.

Ob Veränderungen möglich werden und es im Spannungsfeld zwischen Dorfplatz und Kunsthalle zu einem öffnenden Umbruch kommen kann, wird in einem Folgebeitrag thematisiert. 

—>zum Folgebeitrag  Wie weiter in Willingshausen? Dorfplatz und Kunsthalle symbolisieren Spannungsverhältnis

–>siehe auch Bericht über Gerhardt-von-Reutern-Haus als Millioneninvestition