Kunst-Erlebnis Wochenende im Malerdorf Willingshausen

Schild mit Übersichtskarte der Kunst- und Kulturrouten in Willingshausen, dem KuKuks-Weg. Sternbald-Foto Hartwig Bambey

31.12.2021 Ein Blick nach vorn – Besonders für den Besucher und die Kunstaktiv-Urlauberin aus Großstädten beschert der Aufenthalt in Willingshausen nicht alleine ein ungewöhnliches Eintauchen in kunstgeschichtliche Gefilde der Malerei und Teilnahme an verschiedenen Aktivkursen. Es ist zugleich ein Erlebnis in einer reizvoller Kulturlandschaft mit Erkundungsgängen, die im Rahmenprogramm gleichermaßen kontrastierend wie bewegungsorientiert ein besonderes Erlebnis beschert. Am Beginn vdieses Angebot von Sternbald ART-Travelling steht ein Abholservice für mit der Bahn Anreisende am Bahnhof Neustadt, nahe gelegen ganz im Osten des Nachbarlandkreises Marburg-Biedenkopf.

Kulturdenkmal Atelierhaus Thielmann in der Neustädter Straße am Ortsrand von Willingshausen. Seite mehr als fünf Jahren steht das für Willingshausen wichtigste bauliche Zeugnis der einstigen Malerkolonie weitgehend leer. Es wird vom Eigentümer nur gelegentlich für Wohnzwecke genutzt.  Sternbald-Foto Hartwig Bambey © 2021

Die Ankommenden haben hier die Wahl in den Kleinbus einzusteigen um per Shuttle-Service die überschaubare Strecke von 5 Kilometern weitgehend durch Buchenmischwald zu durchqueren. Viele machen von dem Angebot Gebrauch ihr Gepäck zu verladen und nur für 2 Kilometer Richtung Willingshausen bis zum Waldrand mitzufahren. Danach geht es zu Fuß weiter auf der von Laubbäumen gesäumten schmalen Landstraße mit kundiger Führung. Diesen Weg haben nach 1850 mit Fertigstellung der Main-Weser-Bahn zwischen Frankfurt und Kassel bereits viele Maler genommen. Deren Zahl hat bis zum Ersten Weltkrieg von Düsseldorf, Frankfurt und Dresden kommend in der Blütezeit der Malerkolonie Willingshausen stetig zugenommen. Die allmähliche Annäherung auf Schusters Rappen auf schmaler Landstraße bedeutete in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert für Maler ebenso nachdrückliche Naturimpressionen wie für heutige Kulturtouristen.

Beinahe wie in einem Hohlweg, wieder von Bäumen gesäumt, kommt Willingshausen näher. Auf der linken Seite erhebt sich in großem Gartengrundstück am Hang das Atelierhaus des Malers Wilhelm Thielmann. Die Besichtigung komme später dran, sagt der freundliche Kunsterlebnis-Lotse. Einen Willkommenstrunk habe sich jede/r allerdings verdient. Dabei wird eine gefaltete Karte übergeben, in der sich zugleich das Programm mit den verschiedenen Örtlichkeiten der kommenden 3 Tage findet. Bis zum Hof des Gerhardt-von-Reutern-Hauses vor der Kunsthalle ist es ein kurzer Weg und dort erfahren die Gäste mehr zum Ablauf und Angeboten des von ihnen gebuchten Kunsterlebnis-Wochenendes.

 
Museum Malerstübchen und Exkursion

In der Ortsmitte von Willingshausen, im Hintergrund das Gerhardt-von-Reutern-Haus und die Kunsthalle. Sternbald-Foto Hartwig Bambey

Die fußläufig aus Neustadt eingetroffenen Kulturaktiv-Urlauber beginnen den Rundgang im Museum Malerstübchen Willingshausen mit einigem Wissensvorsprung. Es werden vielfältige Informationen in Wort und Bild und reizvoll inszenierten Multivisionen zur vormaligen Malerkolonie geboten, Essentials beim Rundgang in der oberen Etage. Wer will, kann sich Vertiefungen und spezielle Themen an verschiedenen interaktiven Bildschirmen und Wandprojektionen selbst abrufen. Das rund um das mit Original-Mobiliar erhaltene Malerstübchen, in dem die Maler dereinst in illustrer Runde ihren Feierabend gemeinsam verbrachten, an Wänden zahlreiche Original-Gemälde präsentiert werden, gibt dem Museumsbesuch die gehörige Authentizität.
 
Auf diese wartet in Willingshausen ein pralles 3-Tage-Programm mit Eintauchen in die Kunst- und Malereigeschichte samt eigenhändiger kreativer Erprobungen.
Die knappe Stunde Fußweg zunächst durch Wald, dann durch die Feldflur mit reizvollem Ausblick über das Antrefftal mit der näher rückenden Ortslage bis hin zu den Höhen des Knüllgebirges im Osten gerät ausgesprochen kurzweilig. Denn der begleitende Kunsterlebnis-Lotse weiß kundig zu berichten aus lange vergangenen Tagen als mit Ludwig Knaus, Adolf Lins und Carl Bantzer sich von den großstädtischen Akademien aufmachten um „Land und Leuten auf der Schwalm“ nahe zu kommen. So verwundert es nicht, wenn unterwegs bereits bekannte Gemälde wie etwa „Der Waldreiter“ oder „Frühlingsspaziergang“ von Carl Bantzer zum Blick auf den Bildschirm des Tabletts kurz gezeigt und im Zeitsprung von eineinhalb Jahrhunderten in der originalen Landschaft ihrer Entstehung Thema werden.

Am Sonntag hat man die Auswahl zwischen einem Kurzausflug wahlweise nach Marburg in Kunstmuseum oder nach Kassel in die Neue Galerie. Dort sind Werke von Willingshäuser Malern Teil der ständigen Ausstellung.
Manch einer zieht jedoch den kürzeren Weg ins benachbarte Holzburg oder Ziegenhain vor, wo vergangenes Dorfleben und Kultur der Schwalm in Museen präsentiert werden.
 

Kunstausstellungen und Kunstkurse

Kursteilnehmerinnen der Malschule Willingshausen beim Sommerkurs 2021 in der „Neustädter Sieben“, vormals Bäckerei Dittschar. Foto Anna Grimmel

Immer wieder berichten Besucher und Teilnehmer/innen von der besonderen Mischung in Willingshausen. Dazu gehören verschiedene Kreativkurse mit bildnerischen Techniken des Zeichnens und Malens oder auch Modellieren mit Ton oder anderen Materialien. Die Kompaktangebote von zwei oder drei Mal 90 Minuten sind sehr verdichtet. Doch gefällt und funktioniert die Verknüpfung zwischen Anschauung traditioneller Malerei von Willingshäuser Meistern und eigenen Versuchen bildnerischer Skizzierung und Darstellung mit Stift und Papier, Pinsel und Leinwand, eigenhändigen Erdfarben oder plastisch-figürlich mit Ton. Nach dem Museumsbesuch gehört der Besuch der je laufenden Ausstellung im Kulturhaus AnTreff, in der Kunsthalle oder in der Neustädter Sieben zum Rahmenprogramm.

Dort erwartet meist zeitgenössische Kunstschaffen, oft von Freizeitmalern, auf Besucher. Eine Besichtigung des Atelierhaus Thielmann am Ortsrand in der Neustädter Straße, den fußläufig im Ort eingetroffenen Drei-Tage-Besuchern bereits bekannt, setzt andere Eindrücke. Im vormaligen Atelierraum des bekannten Zeichners und Malers Wilhelm Thielmann werden Schaffen und hinterlassene Werk dieses vielseitigen Willingshäuser Künstlers anschaulich.  
 


Fotokamera und Skizzenblock auf dem KuKuksweg

Die umgebende Kulturlandschaft oftmals mit bäuerlichen Menschen war anziehendes Motiv für die Maler. Ein Stück weit Vergegenwärtigung leistet der KuKuksweg in Willingshausen. In der Ortslage lassen sich neben Dorfkirche und kleinem Schlossgebäude der Familie von Schwertzell erhaltene Fachwerkbauten oberhalb der Dillmark in enger Staffelung erlaufen.

Die Station 7 des Kunst- und Kultur-Pfades in zeigt die Dorfmühle Willingshausen auf einer Zeichnung von Henriette Schmidt-Bonn, entstanden um 1911 – im Hintergrund die heutige Dorfmühle. Sternbald-Foto Hartwig Bambey

Auf großformatigen Staffeleien finden sich Reproduktionen überlieferter Gemälde am exakten Entstehungsort. Mitunter ähnlich, mitunter stark verändert und überformt, lädt der Rundgang zum Erleben von Erhaltenem und verändernden Eingriffen. Wer will, kann mit Fotoapparat ,wozu sich nun einmal längst auch die Smartphones erhoben haben, auf Motivsuche gehen. Manch eine/r versucht sich mit Bleistift oder Kohle auf Skizzenpapier. Anreiz dafür schafft eine kleine Werk-Galerie von früheren Besuchern, der Skizzen oder Fotografien diesbezüglich stimulierend wirkt.
 
Das Drei-Tage-Programm (auch als Wochenprogramm mit ausführlichem Angebotsteil buchbar) in Willingshausen ist nicht für die Hängematte und fordert einiges Interesse und Beteiligung. Die Quartiere sind verteilt in Gästezimmern, teils in anderen dörflichen Ortsteilen, auch im Hotel Bechtel in Willingshausen-Zella.  Shuttle-Service bringt und holt, was nützlich ist und abendliche Teilnahme am „Langen Tisch“ möglich macht. Deftige regionale Küche in Schwälmer Art ist angesagt, dabei schmackhafte Biokost und „Haaße Bier“.

Wer bei diesem Namen an den vormaligen Gastwirte Hase denkt, bei dem dereinst die Maler eingekehrt sind, beweist, dass er gut zugehört hat zur früheren Malerkolonie. Das heimische Bier der Marke „Schwalm-Bräu“ kommt allerdings aus dem Nachbarort Treysa, wo die Brauerfamilie Haass seit mehreren Generationen ansässig ist. Es gibt viel zu erzählen bei der abendlichen Tafelei, die abwechselnd und in der „Gürre Stube“ und im Hofcafé der Dorfmühle in Kulturhaus AnTreff angeboten wird.
 

Vis à vis der Dorfmühle findet sich das Kulturhaus AnTreff. Zu der Location finden viele den Weg bei Lesungen, Ausstellungen und Kulturveranstaltungen. Sternbald-Foto Hartwig Bambey © 2021

Von den weiblichen und männlichen Kunsterlebnis-Lotsen in Willingshausen, gut geschult und koordiniert von der örtlichen Firma Sternbald Quartier, wird berichtet, dass viele Erstbesucher/innen ein wenig erschöpft abreisen mit der Ansage, dass sie wiederkommen wollen. Nicht wenige würden dann ein Wochenprogramm buchen, um es ein wenig ruhiger angehen lassen zu können. Dabei bietet sich die Belegung von mehrtägigen Kursen in Zeichnen, Malen, Erdmalerei, Tongestaltung an, die von mehreren Kursleiterinnen angeboten werden.

Offensichtlich gelingt es in Willingshausen eine spannende Verknüpfung von Kunstbetrachtung mit kunsthistorischer Unterlegung zur Geschichte der Malerkolonie herzustellen zur künstlerisch-kreativen Betätigung. Das Kunsterlebnis-Wochenende ist idealer Einstieg. Wie erzählt wird, nehmen beinahe alle Besucher für ihre Rückfahrt via Bahnhof Neustadt den Shuttle-Bus nur zum Gepäcktransport. Den Weg aus dem Ort und durch den Buchenwald auf den eigenen Füßen wie die Maler wollen sie nicht auslassen. 

Redaktioneller Hinweis: Dieser Beitrag vom 31.12.2021 wurde am 26.03.2022 leicht überarbeitet und mit Fotografien ergänzt. yb