Paul Heidelbach Ein Wintertag in Willingshausen – Zu Wilhelm Thielmanns 50. Geburtstag

In Treysa verlasse ich den ungeheizten Zug, der dadurch nicht behaglicher war, daß die drei Grad Minus des frischen Morgens durch die zerbrochenen Scheiben mit eisigen Fingern die Insassen des Abteils umklammerten. Es ist halb acht. In Richtung Wasenberg geht´s über den hartgefrorenen Boden der hochgelegenen Landstraße. Die aufsteigenden Nebel enthüllen dem Blick nur einen Teil des weitgespannten Bildes, das sich sonst hier dem Wanderer aufrollt. Eben zeichnet sich noch die steile Landsburg in verschwommenen Konturen vom grauen Hintergrund ab, der Knüll gleicht einem Gockel, dem ein beutegieriger Fuchs erbarmungslos den Kopf abgerissen hat. Schneidender Südwind hemmt den vorwärtsstrebenden Schritt. Und doch atmet man befreit auf und wähnt sich für Stunden einmal der Erinnerung an die harte Kriegszeit entrückt. Unmöglich.

Schon nach kurzem Marsch begegnen mir unablässig hochbeladene, von Kriegsgefangenen geleitete Heuwagen. Ich ahne ihr Ziel. Und wie ich dann durch Wasenberg schreite, erinnert mich das düstere Schwarz der in der ganzen Schwalm jetzt allgemein getragenen Landestrauer aufs Neue an den männermordenden Krieg. Der Städter, der heute durch ein Dorf kommt, wird nicht eben freundlich angesehen. Ein Spießrutenlaufen zwischen halb mitleidigen, halb hochmutsvoll-verächtlichen Blicken verrät, daß dank dem fleißig geübten Brauch manches Zeitgenossen jetzt für den Landmann der Begriff des Stadtbewohners und Hamsterers in eins verschmolzen ist.

Hiergegen ist auch der Unschuldigste wehrlos. Die Sonne hat inzwischen das Gewölk durchbrochen und gibt den fahlen Wiesen und kahlen Ackerschollen, die im Sommer die farbensatte Glut der reifen Ährenfelder tragen, eine freundlichere Note. Nach kurzem Aufstieg erkennt man bei der Wegkrümmung an den hochwipfeligen Parkbäumen der Herren von Schwertzell, deren Ahnen die Sage mit der heiligen Elisabeth aus Ungarn mit einwandern läßt, die Nähe des Ziels.

Einer ihrer Verwandten, der Maler von Reutern, war wohl der erste der den Schwälmer Bauer für die Kunst entdeckte und ein munteres Malervölkchen in das entlegene Dörfchen an der Antreff führte. Seitdem ist dieses und jedem modernen Verkehr entrückte Schwalmdorf den deutschen Kunstfreunden immer geläufiger geworden. Es war der Liebling des deutschen Volkes, in dessen Person ein französischer Kritiker von 1855 das Talent ganz Deutschlands vereinigt glaubte, der Wiesbadener Ludwig Knaus, der Willingshausen und Umgebung – seine „Goldene Hochzeit“ entstand unter den Tanzlinden des nahen Merzhausen – seine bekannten Genrebilder schuf.

Wer jetzt Willingshausen betritt, erfährt zunächst eine Überraschung. Das alte Gasthaus von Haase steht nicht mehr, der Besitzer hat sich zur Ruhe gesetzt, aber das altberühmte Malerstübchen neben dessen reichen Schätzen mit seinen Neubau übernommen und auch die bekannte Tür des Stübchens wieder eingelassen, auf der Paul Thumann, Adolf Lins, Hans von Volkmann und andere Zeugnisse ihres Könnens und ihrer Laune in Farben bannten.

Während aber alle die alten und jungen Maler nur zur schönen Sommerzeit ihr heiteres Heim in Willingshausen aufschlugen, ist einer von ihnen, Wilhelm Thielmann, seit Jahren dort seßhaft geworden. So erlebt er wie kein Zweiter die Jahreszeiten dieser Hessenlandschaft, die winterlichen und sommerlichen Freuden und Leiden ihrer Bewohner. In dem mit erlesenen Gaben Thielmannscher Kunst geschmückten Treppenhaus des neuzeitlich geräumigen Fachwerkbaus weisen mich des Meisters Kinder, ein prächtiger Junge und ein liebreizendes zweijähriges Mädlein, zum Atelier.

Nach gastlichem Willkomm durch den Meister und seine jugendliche Gattin werden im lauschigen Alkoven allerhand gemeinsame Erinnerungen der neunziger Jahre ausgetauscht. Das nach zweistündigem Marsch dankbar angenommene Frühstück und später das von einer Schwälmerin aufgetragene Mittagsmahl machen den erneuten Entschluß zum Durchhalten zur freudigen Selbstverständlichkeit.

Inzwischen habe ich mich etwas umgesehen. Ein köstlich anheimelnder Raum! Hier wohnen und schaffen zu können bedeutet schon ein Gutteil Erdenglück. Man denkt unwillkürlich an Spitzweg beim Anblick des vielen Grüns, das die Fenster schmückt, und des gefiederten Sängers im wohlgepflegten Käfig, der die gebotene Atzung mit melodischem Frühkonzert quittiert. Über Dorf, Schloß und Park verliert sich der Blick zu den sanftgeschwungenen, nur im Knüll aufsteigenden Linien des Hügellandes.

Wilhelm Thielmann Pastellbild von Eduard Kaempffer 1905

Was rings an den breiten Wänden hängt, gibt schon einen Begriff von der Vielseitigkeit Thielmannschen Schaffens. „Ernste Zeiten“ heißt das neueste Bild, das der Meister auf der Staffelei hat und das seiner Vollendung entgegengeht. Schwälmer Bauern bei einer Gemeinderatsssitzung.

Es ist erstaunlich, daß Thielmann, den wir lange Zeit nur als Meister des Stifts schätzten, erst mit 35 Jahren zu malen begann, erstaunlich wegen des ungeheuren Fleißes, der in verhältnismäßig kurzer Zeit ein solch sicheres Können reifen lies. Vor diesem neuen Bild ahnen wir etwas vom Werden eines Kunstwerks.

Skizze um Skizze ist nötig, bis die Bildfläche konstruktiv aufgeteilt, bis alle Linien rhythmisch zusammengefügt sind. Dann gilt es, die Farben gegeneinander abzustimmen. Der Laie, der bei oberflächlicher Betrachtung einen weißen Kittel zu sehen glaubt, merkt kaum, daß so ein weißer Farbfleck, der wieder zu anderen Farbflecken in Gegensatz gestellt wird, an und für sich so farbig ist, aus einer Unzahl farbiger Pünktchen besteht, die sich erst wieder zu einer Farbe vereinigen sollen.

Die koloristische Komposition ist es in erster Linie, die Thielmann reizt. Seine großflächig komponierten Bauernbilder zeigen eine äußerst geschickte Erfassung und Begrenzung der Motive. Welch ein himmelweiter Unterschied zu Ludwig Knaus, dessen Leistungen für die deutsche Kunst im Dienst der Farbe aber nicht vergessen sein sollen, oder gar zu Vautier, der lediglich genrehaft illustrieren wollte.   Während uns dort sentimental-anekdotenhafte Dorfnovelle begegnet, die dem Zeitbedürfnis entgegenkommt, ist es dem Wirklichkeitsmaler Thielmann um ganz andere Dinge zu tun. Aus seiner Wahlheimat saugen die Wurzeln seiner Kunst.

Wie einst Leibl, lebt er in der Umgebung, die er malt, und eben dies beschäftigt seine Phantasie, das Stück Umwelt, das ihn reizte, aus den Farben herauszugestalten, es befähigt ihn, der, gleichsam selbst unbeobachtet, seine Erdschollenmenschen ständig belauscht, das Bauerntum tiefer zu ergründen und eine geistige Stimmung in seine Bilder hineinzubringen.

Kunst soll Ausdruck einer Persönlichkeit sein; wahre Persönlichkeit ist aber Verdichtung eines Volksempfindens. Aus Volkstum und Ich sind die Bilder dieses Künstlers entstanden, der sich in seiner Freude am Kräftigen und Urwüchsigen mit starker Einfühlungsgabe in der Schwalm einlebte und hier, immer auf das Charakteristische ausgehend, seine typischen Gestalten schuf.

Das Überraschende war, daß dieser Künstler, der selbst lange Jahre hindurch die Schwarzweißkunst als seine eigentliche Domäne betrachtete, nun das Studium der Geheimnisse von Licht und Luft, vom farbigen Ton des Lichts, die Beobachtung des Atmosphärischen in so hohem Grade reizen, daß bei wohl für absehbare Zeit der Pinsel die Radiernadel verdrängen wird.

Man hat Thielmann oft einen Schüler Karl Bantzers, dieses ganz Großen unter den hessischen und deutschen Malern, genannt. Das trifft nicht zu, wenn es auch keinem Zweifel unterliegen mag, daß die Kunstart seines Schaffens, das Monumentale in der Auffassung, die Art, wie der kräftige Farbennoten von seiner Palette holt, die Behandlung der Licht-, luft- und Farbstimmungen durch den wesensverwandten Freund, mit dem ihn jahrelange schöpferische Gemeinsamkeit verbindet, angeregt sein mag, ohne daß er jedoch an seiner Persönlichkeit Einbuße erlitt; beide haben der Schwalm viel zu danken, haben ihr aber auch unendlich viel gegeben.

Das Beste seines Könnens verdankt Thielmann sich selbst, der keiner Akademie angehörte und aus engbegrenzten Verhältnissen heraus sich den aufwärts führenden Weg zu seinem Ziel ebnete. Solche Naturen lassen sich auch durch äußere Hemmungen nicht von ihrem Weg abdrängen. Die frühzeitige Begabung zeigt das Bildnis seiner Mutter, in dem der Zwölfjährige schon in sicheren Linien das Charakteristische festzuhalten wußte.

Wann Thielmann am Abschluß seiner Entwicklung stehen wird, läßt sich nicht sagen. Er kennt keinen Stillstand und ringt rastlos nach gesteigertem Ausdruck seiner malerischen Erlebnisse. Schon jetzt eignet ihm reife Kunst. Was auch immer er vor seine Palette stellt, wird vollwertig erledigt, mag er mit zeugerischem Drang in jubelnden Farborgien ein freudvolles Ereignis aus dem Leben der Dorfbewohner durch seine Subjektivität hindurchgehen lassen, den Zauber des verschwiegenen Waldes festbannen, ein Blumenstilleben vor uns erglänzen lassen, in zartesten Farben die Züge seiner Gattin festhalten, in Menzelscher Auffassung uns ein Stück Großstadt aus der Perspektive zeigen oder den hessischen Graphiker Kätelhön, dem Willingshausen zum Wendepunkt des Lebens wurde, die Laute zupfend im Bilde zeigen.

Am Nachmittag begleitet mich Thielmann auf abwechslungsreicher Waldstraße gen Neustadt, wo der 56jährige berühmte Neuimpressionist Paul Baum sein Heim aufgeschlagen hat. Wir sprachen über dies und jenes, und während wir unter den breiten Buchenkronen dahinschritten, entwickelte der Meister temperamentvoll, doch ohne Voreingenommenheit seine Ansicht über die neuesten Richtungen Malerei, Kubismus und Futurismus.

Ein genußreicher Tag lag hinter mir. Bei Wilhelm Thielmann hat kein Ismus Gevatter gestanden. Zu Herborn, wo er am 10. März 1868 geboren wurde, besuchte er die Realschule, kam in Usingen auf das Lehrerseminar, wurde Lehrer und ging dann zur Kunstgewerbeschule in Kassel, wo er nach abgelegtem Zeichenlehrerexamen neun Jahre als Lehrer tätig war. 1897 kommt er zum ersten Mal nach Willingshausen, und bald tritt der freie Künstler an die Stelle des Lehrers. Die Erwähnung einer Italienreise und die Übersiedlung nach Willingshausen mögen das Biographische vervollständigen.

Was Thielmann in etwa drei Jahrzehnten mit Bleistift, Rötel und Kohle, an Radierungen, Aquarellen und Ölbildern Vollwertiges geschaffen, läßt sich kaum aufzählen. Seine vielseitige technische Gewandtheit lassen ihn schon früh zum beliebten Illustrator guter Werke und zum Mitarbeiter der tonangebenden Zeitschriften werden. Weiter zeichnete er Rauchs Hessen-Kunstkalender für 1907, gab Zyklen von Zeichnungen bei Elwert, Marburg, und Keller, Frankfurt a.M. (aus der Synagoge) heraus.

Es ist erfreulich, dass die Stadt Kassel seine sämtlichen Radierungen, über fünfzig an der Zahl, eben jetzt ankauft. Auch sonst haben die Museen und Galerien (Darmstadt, Dresden, Berlin, Essen u.a.)  durch Ankäufe von den Werken des Meisters ihre Wertschätzung seiner Leistungen bekundet. Wie sehr diese auch in der breiten Öffentlichkeit gewürdigt werden, bezeugt der erfreuliche Umstand, daß sich für die „Musikpause“ sofort fünfzig Käufer meldeten.   Eine besondere Note gebührt Thielmann als Karikaturist; die Mappen der Willingshäuser Malerstube und der Kasseler Raabegesellschaft bergen Schätze dieser in Deutschland so seltenen Kunst; besonders muß hier noch auf seine köstlichen Karikaturen Max Regers hingewiesen werden.

Auch seine Portraits dürfen nicht vergessen werden. Kurz seien noch die wichtigsten seiner Ölgemälde aufgeführt: „Nach der Taufe“, „Die drei Jungen“, „Der Alte an der Wiege“, „Langgönserin“ (neben einem älteren Bild „Landgraf Philipps Rückkehr aus der Gefangenschaft“ (im Besitz der Stadt Kassel), „Der Hochzeitsreiter“, „Die Trauernden“, „Nach der Arbeit“, „Erntezeit“, „Schmücken zum Tanz“. Kassel rüstet noch für dieses Jahr zu Ehren Thielmanns und unseres sechzig Jahre alt gewordenen Landsmannes, des feinsinnigen Düsseldorfer Malers und Radierers Heinrich Otto, eine Ausstellung.

Hier kann der Betrachter an Werken aus allen Schaffenszeiten des Künstlers sein Urteil über ihn noch einmal auf breiter Grundlage nachprüfen. Daß Wilhelm Thielmann Schaffenskraft im Dienste deutscher und hessischer Kunst noch lange nicht erlahmen möge, sei der Wunsch, mit dem wir diesen liebenswürdigen und kraftvollen Künstler in sein zweites Halbsäkulum begleiten.