Wie weiter in Willingshausen? Dorfplatz und Kunsthalle symbolisieren Spannungsverhältnis

Für eine kleine dörfliche Kommune ist die Existenz einer Kunsthalle ungewöhnlich. Ein durchgestalteter Dorfplatz, mit Klangharfe, Spielgeräten für Kinder als Agora angelegt, ist ebenfalls ungewöhnlich und innovativ. Mit dessen expliziter Benamung als „Dorfplatz“ wird Retrospektives angesprochen, denn auch in Willingshausen ist „Dörfliches“ in vergangenen Jahrzehnten wie generell im ländlichen Raum verschwunden und postmodern überformt worden. So stehen eine kleine Kunsthalle und ein gestalteter Dorfplatz für Aufbruch und Gestaltungswillen in der als „Malerdorf“ nostalgisch attributierten Kommune (1). Im vorangehenden Beitrag >Kunstort im Spannungsfeld von Dorfplatz und Kunsthalle< wurde beschrieben, dass mit der Etablierung eines ordentlich ausgestatteten Künstlerstipendiums für Willingshausen vor 25 Jahren ein innovativer Prozess in Gang gesetzt wurde. Ohne dieses Stipendium mit zwei jungen Künstlern in dreimonatigen Arbeitsaufenhalten in jedem Jahr und anschließender vierwöchiger Ausstellung im Ort wären Bau und Betrieb einer Kunsthalle nicht vorstellbar. Kaum anders ist es mit dem Dorfplatz. Am Ort einer häßlichen Brachfläche wurde dank professioneller Planung und Gestaltung eine kommunitäre Kulturnutzung möglich. Acht Jahre brauchte es zur Realisierung, weil dafür eine – wie sich zeigen sollte Geduld und Langmut erfordernde – Bürgerbeteiligung Bestandteil war.

In Willingshausen haben seit Mitte der 1990iger Jahre Erneuerungen und Veränderungen als gestalteter Prozeß stattgefunden. Wirksam wurden institutionelle und professionelle Impulse und Einbringungen, allem voran das Künstlerstipendium. Zugleich ging eine Phase ehrenamtlich getragenen Wirkens zu Ende, in der Angehörige einer älteren Generation, die Carl Bantzer (1857 – 1941) im Dorf selbst noch erlebt hatten, sich für die Traditionspflege zur vormaligen Malerkolonie engagiert hatten.

Im Jahr 2005 wurde die Kunsthalle Willingshausen eröffnet. Gebaut wurde sie an der Stelle einer früheren Remise auf dem Grundstück des Gerhard-von-Reutern-Hauses. Sternbald-Foto Hartwig Bambey

Mit Bau und Betreiben der Kunsthalle Willingshausen ist ein starkes Bekenntnis der Kommune zur Geschichte des Malerdorfes verbunden. Damit ist es gelungen neue Möglichkeiten zur Präsentation von Kunstausstellungen zu schaffen. Das Künstlerstipendium speist das Jahresprogramm der Kunsthalle mit jährlich zwei Ausstellungen. Baulich verbunden mit dem seit Ende der 1980iger Jahre gestalteten Gerhardt-von-Reutern-Haus, kann Willlingshausen mit zwei der Kunst gewidmeten Gebäuden eine beachtliche kulturelle Infrastruktur vorhalten.

Indem für das Malerstübchen als Gedächtnisstätte und Kleinmuseum im Gerhardt-von-Reutern-Haus ein fester Ort geschaffen wurde, war ein Anliegen des Vereins Malerstübchen Willingshausen erfüllt. In den Folgejahren wurden von ihm Ausstellungen über traditionelle Willingshäuser Maler in der Kunstalle angeboten. Als Höhepunkt einer Entwicklung hat die Jahrestagung von „euroArt“, einer Organisation von Künstlerkolonien in Europa, im Jahr 2013 in Willingshausen stattgefunden. (2)

Verweigerung zur Kunstgeschichte

Bis heute ungelöste Konflikte sind enstanden indem Initiativen von Kunsthistorikern abgewiesen wurden. Diese wollten dem Bilderfundus des Vereins Malerstübchen und insbesondere dem Archiv mit vielen Originalquellen eine wissenschaftliche Erschließung und Zugänglickeit zuteil werden lassen. Von der Vereinigung Malerstübchen wurde eine längst überfällige Öffnung und Inventarisierung „seiner“ Bestände strikt verweigert. Damit ist bis heute eine wissenschaftliche Erforschung und geregelte Zugänglichkeit verhindert. Der Verein geriert und kapriziert sich als Gralshüter aber hat in seinen Reihen nicht einmal tätige Kunsthistoriker. Zuletzt wurde zur Mitgliederversammlung am 30. Oktober 2021 sogar die Aufnahme von zwei engagierten Ortsbürgern als Mitglieder verweigert. (3)

Damit präsentiert sich Willingshausen inzwischen in einer dichotomischen und zwiespältigen Konstellation. Es gibt Räumlichkeiten für das kunsthistorische Erbe der Malerkolonie, darin das Malerstübchen. Es gibt ein offenes Künstlerstipendium, das dem Ort jährlich zwei junge Künstler als geförderte Stipendiaten beschert. Und es gibt seit mehr als zehn Jahren einen Ausstellungsbetrieb mit Kunstausstellungen sowohl zeitgenössischer Künstler als auch traditioneller Maler. Was braucht es mehr als Ausgangslage für gedeihliches Wirken als ein solches Spannungsverhältnis zwischen aktuellem Kunstschaffen und Orientierung an überlieferter Malertradition?

In 2013 wurde die Weiterbeschäftigung einer Kunsthistorikerin in Willingshausen verweigert. Als Projektbeschäftigte war hatte sie begonnen Impulse auf der Basis ihres geschulten Selbstverständnisses zu setzen. Dies war nicht erwünscht. Es bedrohte offenbar dörfliche Sichtweisen, getragen vom Interesse dörflicher Akteure an bezahlter Tätigkeit aus den knappen Finanzmitteln der Willingshausen Touristik. (4)

Zwar wurde mit Gründung der WTB eine einschlägige Institution geschaffen, jedoch hat es insbesondere die Gemeinde als Mehrheitsgesellschafter unterlassen notwendige Schritte für eine Weiterentwicklung zu beschreiten. (5) Seitdem dominieren Engstirnigkeit und problematische Interessenkollisionen das Geschehen im Inneren. Eine reaktionäre und problematische Beeinflussung geht von der Vereinigung Malerstübchen aus. Zuletzt wurde im Jahr 2017 das Bemühen um Archivzugang von Kunstwissenschaftlern erneut aggressiv abgewehrt.

In Willingshausen ist es – verantwortet von Bürgermeister Vesper, der zum 31.12.2021 nach 24 Jahren in Ruhestand ging – mithin nicht gelungen eine Gesamtentwicklung zu gestalten. Das Künstlerstipendium als kontinuierlicher Zubringer für zeitgenössisches Kunstschaffen und die Kunsthalle als einschlägiger Präsentationsort brauchen professionelle personelle Ausstattung mit kunsthistorisch qualifizierten Mitarbeitern. Offensichtlich kann dies Besuchern werden, wenn sie das Malerstübchen besuchen. Von museal ansprechender Präsentation ist man dort meilenweit entfernt.

Cliquen- und Vetternwirtschaft sind beklagenswerte Folgen der unterbliebenen Professionalisierung. Dies kulminiert in einer bornierten und obsoleten Planung für eine Modernisierung des Gerhardt-von-Reutern-Haus in Millionenhöhe. Darüber wird an anderer Stelle berichtet

Spannungsverhältnis nutzen für Öffnung und Aufschwung

Die seit einigen Jahren bestimmende Ablehnung und offene Feindschaft gegenüber Innovationen im Ort ruft nach Veränderung. Diese werden nur mit anderer personeller Besetzung möglich. Aussichten dafür hat die Wahl des neuen Bürgermeisters 2021 geschaffen. So ist der seit 1. Januar 2022 im Rathaus tätig gewordene neue Bürgermeister Luca Fritsch vor einige nicht einfache Aufgaben gestellt.

Einsam steht die Holzskulptur mit Märchenmotiv in der Ortsmitte von Willingshausen. Sternbald-Foto und Installation Hartwig Bambey

Die touristische Orientierung in Willingshausen ist zu überprüfen, verändern und neu zu gestalten (6). Das Großprojekt Gerhardt-von-Reutern-Haus ist einer umfassenden Revision der Planung zu unterziehen. Insbesondere die fehlende inhaltliche Widmung, wozu man in der Öffentlichkeit bisher vergeblich auf Informationen gewartet hat, und eine darauf beruhende Raum- und Maßnahmenplanung, sollte nachgeholt werden. An einer personellen Professionalisierung führt kein Weg mehr vorbei. Qualifizierte Kunsthistoriker können Angeboten eine fundierte Ausrichtung gegeben und die verschiedenen Bereiche produktiv verknüpfen. Zudem mangelt es an Zusammenarbeit mit bewährten Institutionen wie Hessischem Museumsverband oder Hessischem Staatsarchiv.

Der Niedergang ehemals starker touristischer Leistungsträger wie der „Gürre Stubbb“ als Restaurant oder dem „Erbehof“ als Töpferbetrieb ruft nach Kooperation und fördernder Unterstützung, ebenso der Endausbau und Betrieb des „Kulturhaus AnTreff“.

Kunsthalle und Dorfplatz stehen für Aufbruch in Willingshausen. An zeitgemäßem Selbstverständnis mangelt es jedoch ebenso wie qualifizierte und motivierte personelle Akteure verhindert wurden. Es gibt Sympathiesanten, mögliche Partner und Institutionen, die eine Öffnung in Willingshausen erwarten. Dass dabei erhebliche finanzielle Fördermittel eingeworben werden können, kann für Veränderungen und zukunftsorientiertes Handeln zur bestärkenden Erfahrung werden und würde die weitere Entwicklung finanziell und kulturwirtschaftlich stärken.  

 

—>zum Beitrag Kunstort im Spannungsfeld von Dorfplatz und Kunsthalle

Anmerkungen
(1) Die Bezeichnung Malerdorf Willingshausen wird überwiegend nebenläufig verwendet. In häufigem Gebrauch sind Künstlerkolonie, auf der Webseite der Gemeinde Willingshausen, oder Malerkolonie auf der Webseite der Willingshausen Touristik, die den Begriff für Willingshausen als URL konnektiert hat. So offenbart die Verwendung von in der Bedeutung unterschiedlich definierten Schlüsselworten unentschiedene Willkürlichkeit, die einem an Marketing orientierten Branding zuwider läuft. Der Kasseler Schriftsteller Paul Heidelbach (1870 – 1954), der in Willingshausen regelmäßig zu Gast war, hat bereits 1928 darauf hingewiesen, dass es zutreffender wäre statt „älteste deutsche Malerkolonie … älteste deutsche Malerdorf“ zu verwenden.

(2) Weitere Informationen zu euroArt auf der Webseite der Organisation.

(3) Die Situation bei der Mitgliederversammlung der Vereinigung Malerstübchen am 30. Oktober konnte an Peinlichkeit nicht übertroffen werden.  Zwei seit Jahren in Willingshausen ansässige beruftstätige Interessierte übergaben ausgefüllte Mitgliedsanträge und wollten an der Versammlung teilnehmen. Dies vereitelte der 2. Vorsitzende Paul Dippel, indem er eindringlich auf den in die Jahre gekommenen von Krankheit geschwächten Noch-Vorsitzenden Helmut Geisel einwirkte bis H. Geisel dem satzungswidrigen Drängen nachgab und beiden Interessenten die Bestätigung der Mitgliedschaft verweigerte.

(4) Die Willingshausen Touristik Betriebs GmbH (WTB) hat die Gemeinde Willingshausen als Mehrheitsgesellschafter, vertreten durch den Bürgermeister. Drei örtliche Vereine sind Mitgesellschafter, darunter die Vereinigung Malerstübchen. Deren 2. Vorsitzender, inzwischen zum 1. Vorsitzenden gewählt, wird mit 30 Wochenstunden bei der WTB beschäftigt. Damit tritt eine problematische Situation mit Interessenkonflikten ein, wenn H. Dippel an Sitzungen des Aufsichtsrates teilnimmt. 

(5) Als Einrichtung bzw. Gesellschaft zur Tourismusförderung müsste es genuines Anliegen der WTB-Tätigen sein die vorhandenen touristischen Leistungsträger zu unterstützen und mit ihnen zu kooperieren. Dies unterbleibt jedoch. Hier spielt der Interessenkonflikt der Eheleute Becker-Dippel eine problematische Rolle. Sie betreiben und vermieten das Hirtenhaus. Seit 25 Jahren wird dieses für die Stipendiaten im Rahmen des Künstlerstipendiums zwei Mal für je 3 Monate im Jahr angemietet. Andere touristische Vermieter kommen trotz gegebener Möglichkeiten dabei nicht zum Zug. Diese Konstellation wird von dem Ehepaar in Verbindung mit Tätigkeiten für die WTB als Machtstellung in problematischer Weise genutzt. Generell fehlt es bei der WTB an Aufgabendefinition hinsichtlich der touristischen Entwicklung des Ortes. Stattdessen „kümmert“ man sich im Übermaß um die Kunsthalle, was andere Akteure und Einbringungen aus dem Ort und von außen verhindert.

(6) Siehe hierzu einen Bericht dazu in das Marburger.