Carl Bantzer und Wilhelm Claudius 1884 in Ascherode

Gastbeitrag von Angelika Baeumerth | Als Carl Bantzer am 6. August 1857 in Ziegenhain geboren wurde, ahnte niemand, daß aus ihm einmal der bedeutendste Maler der Schwalm werden sollte. Nach dem Tod des Vaters, der Kreistierarzt in Ziegenhain gewesen war, übersiedelte die Fami­lie nach Marburg. Doch riß für Carl die Beziehung zur Schwalm vorerst nicht ab.

1866 lud ihn der Sohn des Bürgermeisters in Ascherode, der Student der Tiermedi­zin Johannes Kehl, zu einem Besuch in sein Heimatdorf ein. Carl Bantzers Erinne­rungen an diesen Aufenthalt in Ascherode beleuchten aufs schönste das damalige Familienleben in der Schwalm. Wenn die Tischsitten im Hause Kehl dem damals Neunjährigen nicht aus dem Gedächtnis schwanden, läßt das darauf schließen, daß sie dem in einem bürgerlich-städtischen Haushalt aufgewachsenen Jungen fremd und damit interessant waren.

„Dort wohnte ich zwar mit dem Johannes Kehl im schönen neuen „Ellerhaus“, nahm aber im übrigen an dem Leben der Familie Kehl in Haus und Feld teil. das ich dabei von Grund auf kennen lernte. Besonderen Eindruck machte mir das Abendessen, zu dem sich die Familie mit dem Gesinde um einen großen Tisch in der Wohnstube versammelte. Da wurde ein großer Haufen gequellter Kartoffeln auf den mit einem groben Leinen bedeckten Tisch geschüttet, in dessen Mitte ein riesiger Napf mit Milch stand. Jeder schälte sich seine Kartoffeln, die er aus der Hand aß und löffelte mit der Rechten aus der gemeinsamen Schüssel die Milch. Manchmal gab es auch Tuckefett zu den Kartoffeln , die man dann an der Gabel in den Tuckefettnapf tauchte.“(1)
Aber auch andere Unterschiede zwischen den Menschen in der bäuerlich struktu­rierten Schwalm und dem städtisch angehauchten Marburg entgingen dem aufge­weckten Jungen nicht. Noch viele Jahre später erinnerte er sich an eine charakteri­stische Begebenheit während seiner Heimreise nach Marburg.

„Am Schluß der Ferien brachte mich der Bürgermeister Kehl zurück nach Marburg. Der große, stattliche Mann trug noch das lang über die Schultern herab hängende Haar, scheute sich aber, dies in Marburg zu zeigen, und legte es bei Antritt der Reise sorgsam unter der Pelzmütze zusammen.“(2)
Bis zum nächsten Schwalm-Aufenthalt Carl Bantzers vergingen 18 Jahre. (3) Der Schulbesuch in Marburg, die Studien-Aufenthalte in Berlin und Paris und schließlich die Übersiedlung nach Dresden waren wichtige Stationen auf dem Lebensweg des jungen Mannes, der sich 1875 entschlossen hatte. Maler zu werden.

In Dresden wurde der Malerkollege Wilhelm Claudius (1854 – 1942) sein Freund (4). Dieser Großneffe des „Wandsbecker Boten“ Matthias Claudius war zunächst bei seinem Vater , einem Holzschneider und Graveur in Altona bei Hamburg in die Lehre gegangen . Danach besuchte er die Kunstakademien in Dresden und Berlin, wo er mit dem fast gleichaltrigen Carl Bantzer zusammentraf. Mit diesen Paul Baum, Wilhelm Ritter und anderen „Goppelner“ Künstlern. ging Claudius dann nach Dresden. 1884 begleitete Claudius, wie ein Skizzenbuch (S) und andere Briefe Bantzers bewei­sen, Bantzer in die Schwalm. Es war beider erster Studienaufenthalt in Hessen.

Zu seinem Studienaufenthalt in der Schwalm im Jahr 1884 veranlaßte Bantzer die Aussicht auf ertragreiche Studien am menschlichen Modell. Er selbst sagte später: ,,Die malerische Tracht der Männer war es, die mich wieder nach der Schwalm ge­zogen hatte.“(6)

Carl Bantzer mißtraute den Wohnverhältnissen in den Dörfern der Schwalm und logierte sich und Claudius versichtshalber in Treysa ein. Am 1. 9. 1884 schrieb er der Mutter: ,,Die Familie Claudius war einen Tag vor mir angekommen und hatte im Gasthof zur Burg bei Kreidewolf (früher am Bahnhof) Quartier genommen, woselbst auch ich zunächst abstieg, bis ich nach zwei Tagen hier in Georgs Haus mich einlo­gierte.

Außer Willingshausen gibt es nämlich gar kein Dorf in der Umgegend, in dem man wohnen könnte.“(7) Da Carl Bantzer gerne gut aß, ließ er es sich auch bei einem Studienaufenthalt nicht nehmen, eine Mittagsmahlzeit einzunehmen, und zwar in dem erwähnten Gasthof in Treysa. „Mittags essen wir alle zusammen bei Kreide­wolf, das Couvert kostet allerdings 1 M., aber das Essen ist auch ganz vorzüglich, habe mir auch schon ganz dicke Backen angegessen.“(8)

Treysa war also Standquartier „Von hier aus gehe ich nun täglich mit Claudius nach Ascherode, wo wir hauptsächlich Figurenstudien malen.“

Daß Bantzer Mitte August 1884 Ascherode als „Studienplatz“ wählte, hing sicher mit der Erinnerung an die Menschen zusammen, die er einst dort angetroffen hatte. Der junge Maler Bantzer wurde nicht enttäuscht, es gab in Ascherode immer noch „prachtvolle Menschen“.(9)

Zu ihnen gehörte der Mann, der einst den Neunjährigen nach Marburg begleitet hatte: „Bürgermeister Kehl mit dem langen Haar, das seinen Löwenkopf um­rahmte“. Der Mutter schrieb Bantzer am 1.9.1884: „Den alten Kehl werden wir in dieser Woche auch malen, wenn das Wetter nicht gar zu miserabel wird.“ Und am 14. 9. 1884 meldete er den Vollzug: ,,Auch den alten Kehl habe ich in seinem Kir­chenanzug gemalt.“(10)

Begeistert war er auch von der Familie des Bürgermeisters Seil, des Nachfolgers von Kehl, „die durchgängig so großartige Typen zeigte, daß ich sie am liebsten auf einem großen Familienbild verewigt hätte. Ich malte aber nur den Kopf einer Tochter und mußte es dabei bewenden lassen, weil ich in den näch­sten Jahren nicht nach der Schwalm kommen konnte.“(11)

Eine Ascheröder Modell-Episode prägte sich so in das Gedächtnis Bantzers ein, daß er sie sogar in seinem Buch „Hessen in der deutschen Malerei“ abdrucken ließ. „Der alte Schneider, der meist oben in seiner Auszüglerstube saß, wurde dann, wenn wir zum Malen auf den Hof kamen, vom Sohn gerufen: „Vadder, kommt rob, die Kerle sin do!“. (12)

Am Ende des Aufenthaltes konnte Bantzer dann zufrieden feststellen: .,Ich habe mit Claudius eine Menge Figurenstudien gemalt, bei denen man immerhin viel lernen konnte.“ (13) Der Schwalm-Aufenthalt des Jahres 1884 dauerte etwa von Mitte August bis Mitte September. Am 14. September 1884 schrieb Bantzer aus Treysa: „Mein Aufenthalt geht nun mit nächstem Dienstag zu Ende und mit ihm meine Finanzen … Amüsant war das Leben hier, es war immer eine lustige Gesellschaft beisammen.“(14)

Die Studien von Carl Bantzer und Wilhelm Claudius

Nach Bantzers Aussage entstanden während des Schwalm-Aufenthaltes 1884 keine Gemälde, sondern „nur eine Reihe von Studien, zum Malen von Bildern war der Auf­enthalt zu kurz.“ (15)

Für uns sind diese Studien unter verschiedenen Gesichtspunkten von großem Inter­esse. Da ist zum einen das Interesse des Kunsthistorikers, dem der eher seltene Glücksfall begegnet, daß zwei zum gleichen Zeitpunkt am gleichen Ort arbeitende Künstler Skizzenbücher füllten, die sich beide erhalten haben und zum Vergleich auffordern. (16)

Da ist zum anderen das Interesse des Volkskundlers, dem die Dar­stellungen von Trägern der älteren Schwälmer Tracht, von Schäferwagen und dörfli­chen Interieurs willkommene Bildbelege des Lebens in der Schwalm vor etwa ein­ hundert Jahren sind.

Und da ist, nicht zuletzt, das Interesse der Heimatkundler, für die jene Skizzenbücher eine Fundgrube der Erinnerung an vergangene Zeiten im heimatlichen Dorf darstellen. Ascherode hat das Glück, in den beiden Skizzenbü­chern von Bantzer und Claudius aus dem Jahr 1884 besonders häufig vorzukom­men, denn die jungen Maler haben damals eifrig in dem Ort gezeichnet.

Wilhelm Claudius war offenkundig ein sehr fleißiger Zeichner, dem es vor allem die Menschen angetan hatten. Carl Bantzer, der auch andere Interessen hatte, ließ sich 1884 von ihm „anstecken“ und betrieb damals, wie er selbst der Mutter gegenüber betonte, vor allem Personenstudien. Diese trug er nicht in sein „normales“ kleinfor­matiges Skizzenbuch ein, sondern er benutzte ein zweites von größerem Format. Vor allem die Ascherode-Blätter zeigen aufs deutlichste, daß man öfter dasselbe Modell wählte, ja gelegentlich gemeinsam vor demselben Modell studierte.

So zeichnete Carl Bantzer am 22. August 1884 ein Schwälmer Mädchen aus Asche­, das sich auch Wilhelm Claudius zum Modell wählte. Beiden gefiel offenbar, daß das Mädchen ein größeres Bündel (Wäsche?) vor dem Leib trug. Vor allem Carl Bantzer hat dieses Motiv als eine Belebung der stehenden Figur begriffen und seiner Zeichnung eine flotte Note verliehen. Claudius hingegen sah die kleine Gestalt in ihrer schweren Tracht noch durch das zusätzliche Gewicht des Bündels beladen. Ganz ähnlich aufgefaßt ist das Schwälmer Mädchen aus Ascherode, das Claudius am 27. August 1884 gezeichnet und die Zeichnung mit der Notiz versehen hatten: ,,Kappe roth mit schwarzen Bändern, Halstuch grün mit rothen Blumen, Mieder schwarz Samt verschossen, Rock verschossenes Blaugrün, Schürze dunkel­ blau.“(17)

Bleistiftstudien eines alten Schwälmers von Bantzer und Claudius

Besonders schöne Zeugnisse der Zusammenarbeit von Claudius und Bantzer sind ihre nahezu identischen Bleistiftstudien eines alten Schwälmers in Kittel und Bromkappe, der es sich mit seiner Pfeife auf seinem Lehnstuhl bequem gemacht hat.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Beide Studien sind datiert – auf den 9. September 1884. Beim ersten Blick auf die Zeich­nungen wird klar, daß beide Maler zum gleichen Zeitpunkt vor dem alten Mann ge­sessen und ihn gezeichnet haben.

Während Bantzer die ganze Gestalt des breitbei­nig dasitzenden Mannes von vorn erfaßte, konzentrierte sich der offenbar links von Bantzer sitzende Claudius auf den Oberkörper und vor allem auf das fast ins Profil gewendete in allen Einzelheiten erfaßte Gesicht des Alten. Wiederum zeigt es sich eindrucksvoll, daß persönliche Vorlieben und Temperament der beiden Maler dafür sorgten, daß auch dann, wenn sie vor demselben Motiv arbeiteten, die Resultate ver­ schieden und von der jeweiligen Eigenart geprägt waren (Abb. 2 u. 3).

Die Studie des Freundes hat Bantzer später in „Hessen in der deutschen Malerei“ veröffentlicht (18) (seine eigene blieb bisher im Skizzenbuch von 1884 verborgen), vielleicht weil ihm das Blatt auch wegen des Dargestellten wichtig war. Ob wir in dem alten Schwälmer den Ascheröder Bürgermeister Kehl vor uns haben?

Die beiden Maler zeichneten jedoch nicht immer gemeinsam, wenn sie auch öfter ähnliche Motive wählten. So zeigt der kleine stehende Schwälmer Junge, den Bant­zer am 9. September 1884 in Ascherode zeichnete, Ähnlichkeit mit einem Jungen, den Claudius an einem anderen Tag wiedergab. Wie schon das Schwälmer Mädchen wirkt Bantzers ungeniert an einen Tisch angelehnter Junge mit seinem Stöckchen und der in die Westentasche gesteckten linken Hand frischer, lausbubenhafter als jener bei Claudius (Abb. 4).

Carl Bantzer – und übrigens auch Wilhelm Claudius – studierten während ihrer Ascheröder Studientage aber keineswegs nur die Menschen in ihrer Tracht und Um­gebung. Sie gingen auch sehenden Auges durch das Dorf und die umgebende Land­ schaft. So haben beide Maler, Claudius sogar wiederholt, die von einer mächtigen Linde beschattete kleine Kirche auf der Anhöhe gezeichnet. Auf Carl Bantzers Zeich­nung vom 4. September 1884 blickt der Betrachter von einem dürren Bäumchen aus auf den schmalen Weg, der hinauf zur Kirche führt. Aus diesem Blickwinkel er­ scheint das Kirchlein mit seinem Dachreiter und dem rechteckigen Chor größer und imposanter als auf den Zeichnungen, die Wilhelm Claudius schuf (Abb. 6).

Bantzers Fähigkeit, selbst unscheinbare Motive zu einer gelungenen Komposition zu vereinigen, zeigt sich auch an dem Ascheröder Skizzenbuchblatt vom 4. Septem­ber 1884. Dargestellt ist ein Blick in die Ascheröder Feldgemarkung. Im Mittelpunkt der Komposition stehen zwei Heuhaufen, die sich kontrastreich von hinterfangen­ dem Buschwerk absetzen. Während im Hintergrund einige Hausdächer die in eine weite Hügellandschaft gebettete dörfliche Ansiedlung andeuten, ziehen einige im Vordergrund umherliegende Baumstämme immer wieder den Blick des Betrachters auf sich. Spannungsreicher kann man eine abgemähte Wiese kaum gestalten (Abb. 7).

Wir sehen also 1884 zwei junge Maler in Ascherode am Werk, die beide auf ihre Art bereits großes Talent zeigten. Ascherode bedeutete für sie, das kann man ohne Übertreibung sagen, eine wichtige Etappe in ihrem künstlerischen Leben. Beson­ders Carl Bantzer, der gebürtige Schwälmer, fand durch den Studienaufenthalt im Jahr 1884 den Weg zurück in die Heimat, die ihm fortan vorrangige künstleri­sche Heimat werden sollte.

Dieser Beitrag der Kunsthistorikerin Angelika Baeumerth (1951 – 2001) wurde verfasst anlässlich des Ortsjubiläums 900 Jahre Ascherode und wurde erstmals veröffentlicht in: Petra Bambey  900 Jahre Ascherode 1090 – 1990 Beiträge zur Ortsgeschichte in Texten und Bildern, Schwalmstadt 1990.
Die Lizenz für die Veröffentlichung in Art Willingshausen erteilt freundlich Johannes Baeumerth.

Anmerkungen:
1. Bantzer, Hessen, S. 56
2. Bantzer, Hessen, S. 56
3. Bantzer, Hessen, S. 56
4. Zu Claudius: Bantzer, Hessen, S.39-41; Katalog Kassel 1980. S.94, 106, Kat.Nr. 46, 47; Höck, Alfred: Wilhelm Claudius 1884 in der Schwalm. In: Schwälmer Jahrbuch 1986, S. 87-90
5. Höck, A., Schwälmer Jahrbuch 1986, S. 87-90
6. Bantzer, Hessen, S. 56
7. Bantzer, Briefe , S. 40
8. Bantzer, Briefe, S. 40
9. Bantzer, Hessen, S. 58-59
10. Bantzer, Briefe, S. 40
11. Bantzer, Hessen, S. 59
12. Bantzer, Hessen, S. 59
13. Bantzer, Briefe, S. 40
14. Bantzer, Briefe, S. 41
15. Bantzer, Hessen. S. 58·59
16. Das Skizzenbuch von Carl Bantzer befindet sich in seinem Nachlaß im Hessischen Staatsarchiv Marburg: Das Skizzenbuch von Wilhelm Claudius befindet sich im Besitz von Dr. W. Braun-Elwert in Marburg, der mir freundlicherweise die Einsichtnahme gestattete.
17. Abb. in Bantzer, Hessen, S. 39
18. Bantzer, Hessen, S. 41 Literatur:
Bantzer, Carl: Hessen in der Deutschen Malerei. Marburg 1950 (- Bantzer, Hessen)
Die Künstlerkolonie Willingshausen. Kassel 1980, S. 94, 106,
Kat .Nr. 46, 47 (Katalog Kassel 1980)
Bantzer, Andreas (Hrsg.): Carl Bantzer Ein Leben in Briefen. Ahnatal 1983 (=Bantzer, Briefe)
Baeumerth, Angelika: Carl Bantzer Studien. Willingshausen 1990, S. 8 Reproduktionen der Originalvorlagen: A. Baeumerth