Millionen für die Kunst in Willingshausen?

Mit Kunsthalle und dem Gerhardt-von-Reutern-Haus sind in Willingshausen zwei besondere Kunst- und Kulturhäuser kommunal geschaffen worden. Damit ist es möglich laufende Kunstausstellungen zu präsentieren und es gibt Räume für Veranstaltungen, Atelierräume und einen Bereich für das Malerstübchen. Von daher kann mit einiger Berechtigung die Frage gestellt werden ob es in dem kleinen Ort weiteren einschlägigen Raumbedarf gibt. 

Drei „Kunsthäuser“ in Privatinitiative in Willingshausen

Zu berücksichtigen ist dabei, dass unabhängig von der Kommune weitere Raumangebote mit Widmung für Kunst und Kultur entstanden sind und Angebote erfolgreich verwirklichen. So seit einigen Jahren das Kulturhaus AnTreff bei der Dorfmühle.

Kulturdenkmal Atelierhaus Thielmann in der Neustädter Straße am Ortsrand von Willingshausen. Seite mehr als fünf Jahren steht das für Willingshausen wichtigste bauliche Zeugnis der einstigen Malerkolonie weitgehend leer. Es wird vom Eigentümer gelegentlich für Wohnzwecke genutzt. Die Gemeinde Willingshausen ignoriert dies. Insbesondere der inzwischen aus dem Amt geschiedene Bürgermeister Heinrich Vesper kaprizierte sich in der eigenen Ignoranz gipfelnd in seiner Aussage, dass er nun einmal von Kunst nichts verstehe. Sternbald-Foto Hartwig Bambey © 2021

Mit dem Hessischen Denkmalschutzpreis wurde 2016 das restaurierte Atelierhaus Thielmann ausgezeichnet. Im vergangenen Jahr 2021 wurde die Kultur-Initiative Willingshausen (KIWI) gegründet und nutzt als Mieter den vormaligen Bäckereiladen Dittschar mit Backstube „Neustädter Sieben“ für Kunstausstellungen und als Atelier für Malkurse.  

Vis à vis der Dorfmühle hat Jörg Haafke ein Scheunen- und Stallgebäude zum Kulturhaus AnTreff ausgebaut. Zu der einschlägigen Location finden viele Kulturinteressierte den Weg bei Lesungen, Ausstellungen und anderen Kulturveranstaltungen. Sternbald-Foto Hartwig Bambey © 2021

Wieviel Raumangebot wird für Kunst überhaupt benötigt?

Dass in Großstädten Atelier- und Arbeitsräume für Künstler oft fehlen ist eine Sache. Dagegen ist Willingshausen geradezu üppig ausgestattet. Drei Orte für Ausstellungen und zwei Häuser mit Atelierräumen ist eine treffliche Infrastruktur in dem kleinen Ort. Hinzu kommt, dass im Ort selbst keine Künstler leben. Stattdessen kommen diese für Tage, mitunter auch für Wochen, als temporäre Gäste – bevorzugt im Sommer. Denn Willingshausen war immer ein Ort für Freilichtmalerei. Das ist heute nicht anders, beispielsweise bei dem sommerlichen Malersymposium, dessen vierte Auflage für 2022 angekündigt wurde. Die Maler kommen für eine oder zwei Wochen gerne nach Willingshausen um dort draußen in der Ortslage oder in der Feldgemarkung im Freien Motive zu finden und mit Stift und Pinsel auf Papier oder Leinwand zu bringen.

Millionen für eine Baumaßnahme ohne Nutzungskonzept

Es ist ruhig geworden um die bereits vor Jahren angekündigte Baumaßnahme mit dem Gerhardt-von-Reutern-Haus. Sehr ruhig sogar. Bürgermeister Vesper beantwortete eine Anfrage im Gemeindeparlament im vergangenen Jahr äußerst schmallippig. Die Pläne seien in Wiesbaden zur Genehmigung, lautete seine dürre Antwort auf die Anfrage eines Gemeindevertreters. Verschwiegen hat das inzwischen in Ruhestand gegangene Gemeindeoberhaupt, dass im letzten Jahr die Baupreise bereits ganz erheblichen Steigerungen unterlagen. Preissteigerungen dürften die bis dahin verlautbarte Investitionssumme von 1,5 Millionen Euro längst obsolet gemacht haben.

Ausstellungseröffnung im Hofbereich des Gerhardt-von Reutern-Hauses im Sommer 2020. Aus Platzgründen nutzt man in Willingshausen gerne die Hofzone unter freiem Himmel. Weder Kunsthalle noch das Gerhardt-von-Reutern-Haus bieten hinreichend Raum für Veranstaltungen mit viel Publikum. Daran würde eine finanziell aufwendige Umbaumaßnahme nichts ändern. Sternbald-Foto Hartwig Bambey © 2020

Wie und was soll werden im Malerdorf?

Ob nach wie vor eine Mehrheit im Gemeindeparlament eine solch teure Baumaßnahme befürworten wird, ist derzeit offen. Ebenso offen ist die diesbezügliche Meinungsbildung und Positionierung des neu tätig gewordenen Bürgermeisters Luca Fritsch. Nach vier Wochen Dienst im Rathaus kann er sich kaum in dieses komplexe Thema eingearbeitet haben. Dabei ist die Baumaßnahme Gerhardt-von-Reutern-Haus keinesfalls alleine eine Liegenschaftsfrage.

Weithin bekannt ist die Verweigerung in Willingshausen gegenüber einer grundständigen Museumsplanung. Man begnügt sich mit dem lauschigen Malerstübchen. In den vergangenen Jahren wurden diesbezügliche Angebote des Hessischen Museumsverbandes ignoriert, wie die zuständige Museumsberaterin in einem Gespräch mitteilte. Verantwortlich dafür ist der Verein Malerstübchen Willingshausen e.V.. Auch Initiativen und Angebote von bekannten Kunsthistorikern und Wissenschaftlern mit Forschungsinteresse wurden äußerst unfreundlich und ignorant zurückgewiesen. Eine verschworene Clique betätigt sich als selbsternannte Gralshüter. Längst ist dazu bekannt, dass es um die Bestände des wertvollen Archivs nicht alleine in konservatorischer Hinsicht nicht gut bestellt ist. So ist eine Grundfrage zu stellen: Was nützt alle Hardware, hier Gebäude, in Willingshausen wenn es um die Software, hier die verantwortlichen Menschen und deren Umgang mit den Aufgaben, nicht gut bestellt ist?

Kommt in Willingshausen endlich eine tragfähige Orientierung?

In dieser Situation, die sich in den vergangenen Jahren immer klarer herausgebildet hat und vom verantwortlichen Bürgermeister pflichtwidrig hingenommen wurde, ist in Willingshausen und für Willingshausen ein gründliches Nachdenken und Überprüfen der Gegebenheiten dringend nowendig.

Sommerlicher Malkurs 2021 in der Neustädter Sieben der Malschule Willingshausen geleitet von Ulrike Schulte. Die Teilnehmer/innen freuen sich über gute Arbeitsbedingungen ebenso wie über die ebenerdige Zugänglichkeit mit Blick aus dem Schaufenster auf eine Dorfstraße. Sternbald-Foto Hartwig Bambey © 2021

Eine sehr kostenträchtige Bau- und Investitonsmaßnahme steht zur Überprüfung ebenso an, wie die Strukturen, personelle Ausstattung, inhaltliche Ausrichtung und Selbstverständnis überprüft, verändert und weiter entwickelt werden müssen. Ansonsten drohen weiter anhaltender und wachsender finanzieller Schaden. Neben dem Blick auf die Kunst(geschichte) in ihrer Bedeutung für Willingshausen sollte endlich eine kulturwirtschaftliche Betrachtung entwickelt werden.

Gastronomie ist im Ort mittlerweile weitgehend Fehlanzeige. Für Übernachtungswillige gibt es zwar Gästezimmer und -betten, doch in der WTB als hier zuständiger Institution ist man anders disponiert. Im Unterschied dazu sollte – auch in Willingshausen – Kulturtourismus eine positive ökonomische Wirkung haben und entsprechend begriffen und angegangen werden. Dauervermietung des Hirtenhauses für zwei mal drei Monate im Rahmen des Künstlerstipendiums seit 25 Jahren ist zu wenig.

—>zum Nachlesen: Millioneninvestition mit klandestiner Planung