Das Malerdorf in der Schwalm

Von Alfred Bock  Von Neustadt, dem friedvollen Städtchen an der Main-Weser-Bahn führt mich ein bequemer Weg in die gesegneten Breiten der Schwalm. Auf dem Gelände lastet die Glut der mittäglichen Sonne. Noch tragen die Wiesen reichen Schmuck, aber das Drängen und Sprossen ist vorüber. Getreidefelder und Kartoffeläcker rücken hart an die Straße heran. Korngarben liegen zur Einfahrt bereit. Thymian streut würzigen Duft umher. Der Forst nimmt mich auf. Hochragende Lärchen besäumen den Weg. Spechte lärmen. Wildtauben gurren. Den Boden bedecken Moos und Flechten. Der Pfad steigt an. Aus den Dornenranken der Brombeersträucher schauen schwarze reife Beeren hervor. Bald liegt der Wald hinter mir.

Blick auf Willingshausen, Zeichnung von Wilhelm Thielmann 1906

Eine Strecke Oedland. Heidekraut breitet einen purpurnen Teppich darüber. Fernab, in tiefes Blau getaucht türmen sich die Höhen des Knüllgebirges. Mir zu Füßen tut sich eine Landschaft auf, die unaussprechliche Innigkeit atmet: die Schwalm. Dorf an Dorf, von Bäumen umhegt. Dazwischen glitzert das Flüßchen, die Schwalm.

Die Antreff und Wiera führen ihn ihre Wasser zu. Glanz und Glühen, wohin der Blick sich wendet. Das Ganze mutet an wie ein Wiesennopal der in wundersamen Farbenspiel schillert. Da ich die Grenze der Gemarkung von W i l l i n g s h a u s e n überschreite, kommt mir Meister Thielmann mit seinem Buben entgegen. Er hat sich seit einem Menschenalter hier niedergelassen, ist mit Land und Leuten verwachsen.

Seine Bilder haben mit der Angewohnheit des modernen Lebens nichts zu schaffen, sie geben treu nach der Natur beobachtete Szenen aus dem Leben der Schwälmer Bauern wieder. Wie Thielmann die Natur auffasst, das gemahnt an die französischen Landschafter aus der Schule von Barbizon. Zu Wilhelm Thielmann gesellt sich Meister Carl Bantzer der jünglingfrische Sechziger, derzeit Direktor an der Kasseler Kunstakademie.

Jahr für Jahr schlägt er im Sommer und Herbst sein Zelt in Willingshausen auf. Man weiß seine mit großer Virtuosität und sicherem Rhythmus der Linien gemalten figurenreichen Bilder sind über alle Zonen der Erde verbreitet. Sie haben ihm weithin Ehren gebracht. Wenn viele seiner Schöpfungen kosmopolitischen Charakter tragen, das Wcsenselement seines Künstlertums tritt uns in seinen Schwälmer Bauerngestalten entgegen. Nichts deutet bei ihm auf schnell errungene Fertigkeit.

Fleiß und Ausdauer sind ihm Helfer beim Werk. Als der Dritte im Bund richtet Heinrich Otto, wie Thielmann und Bantzer ein Sohn des Hessenlandes zur Sommerszeit in Willingshausen seinen Arbeitsraum ein. Seine Bilder sind von warmem Leben erfüllt, immer neue Reize sucht er der ländlichen Umwelt abzugewinnen. In Düsseldorf ansässig geworden, hat er neuerdings mit Sinnenschärfe und künstlerischem Gefühl das rheinische Industriegebiet zeichnerisch festgehalten.

Für dies Künstlertrio in Willingshausen haben die Worte Geltung, die Josef Israels kluge Frau ihrem Gatten auf die Seele band: „Gib den Menschen die einfache Poesie des wirklichen Lebens, am Ende erobert sie doch immer die Herzen der Menschen!“ Um die Mitte de vorigen Jahrhunderts waren es Düsseldorfer Genremaler, die Willingshausen entdeckten, allen voran Ludwig Knaus, der im Schwälmer Grund seine Meisterwerke schuf.

Meister Thielmann führt mich ins Dorf herum. Mitten im Ort von uraltem Park unkränzt liegt das wehrhafte Schloß der Barone von Schwertzell. Die Gehöfte im Ort, zumeist Fachwerkbauten, sind in buntem Durcheinander aufgerichtet. Die Gassen und Gäßchen verraten keine Spur von Gleichmäßigkeit.

Wilhelm Thielmann Ausgang aus der Kirche

Es ist Sonntag. Männer und Frauen, feiertäglich gekleidet, das Gesangbuch in der Hand, kommen aus der Kirche. Die Männer, hohe, schlanke Gestalten haben das Haupt mit dem Dreimaster bedeckt. Sie tragen ein bis an die Waden reichendes Kamisol, ein Halstuch vou schwarzer Seide ersetzt den Schlips. Eine rote Weste, weißleinene Hosen, baumwollene Zwickel-strümpfe und Schnallen-schuhe vollenden die kleidsame Tracht.

Auch die Schwälmer Mädchen zeigen sich im Sonntagsstaat: rote Läppchen mit Atlasbändern, grünseidene Jacken, zehn, zuweilen fünfzehn grün eingefaßte Röcke übereinander, eingelegte Strümpfe, Kommodschuhe.

Wir treten vor eines Bauern Haus. Es ist ein alter Fachwerkbau, das obere Stockwerk ragt über das untere hinaus. Der Schwälmer pflegt sein Haus über den Donbalken mit sinnreichen Sprüchen zu schmucken. Ein paar habe ich mir angemerkt:

  • „Ein Schveinebraten kalt
    Ein Mädchen, achtzehn Jahre alt
    Wem das nicht wohl gefallen mag.
    Der bleibt ein Narr sein Lebtag.“
  • „Die Wahrheit ist gen Himmel gezogen.
    Die Treue ist übers Meer geflogen,
    Gerechtigkeit ist lang‘ vertrieben,
    Untreue ist allein geblieben.“

Der Hausbesitzer, ein stattlicher Fünfziger mit graublauen Augen umd starkem viereckigen Kinn steht am Fenster. Er ist ein alter Freund Meister Thielmanns und fordert uns auf, herein zu kommen. Die Stube ist mit Eichendielcn belegt. Die Wände sind tapeziert. Lange Bänke, ein großer kräftiger Tisch, Holzstühle mit wunderlich geschnitzter Lehne machen die Einrichtung aus. In die Ecke ist ein mächtiger Ofen gepflanzt, dessen unterer aus Lehm gebildeter Teil blau gestrichen ist. In der Kammer nebenan, zu vier Stollen aufgetürmt, steht das große Familienbett, über das eine prachtvoll gestickte Decke gebreitet liegt.

Das obere Stockwerk des Hauses ist mit Sachwerten vollgepfropft: Kein Interieur, das künstliche Ausbeute gewährt! Der Bauer, meine erstaunten Blicke gewahrend, sagt: „Ich hab‘ mein Werk umgeschmolzen. Wer alleweil nix erkobert, ist den Taufbatzen net wert!“ –

Willingshausen Zeichnung von Wilhelm Thielmann, 1899

Im Nachbardorf, erfahre ich, wird eine Hochzeit gefeiert. Es ist dorthin nur ein Katzensprung. So nehme von Meister Thielmann Abschied und mache mich auf den Weg. Ein Forstaufseher ist mein Begleiter. Er kennt die Braut. Sie ist eines Gaulsbauern einziges Kind.

Der Lehrer im Ort hatte um sie geworben, sie hatte ihn gern. Der Gäulsbauer spricht: „Verliebtheit ist albern, lächerlich!“ Er schaffte für seine Tochter einen reichen Bursch herbei. Die Hauptsache ist, daß die Schollen zusammenpassen. Zwei Jahre hat sich die Annegret gegen den Handel gewehrt, zuletzt gab sie nach.

Als wir Merzhausen erreichten, war eben der Hochzeitszug am Haus der Braut angelangt. Im Gesicht des Hochzeiters sind alle Muskeln gespannt. Er mustert die Umgebung mit durchdringenden Blick. Der Hochzeiterin, ein bildhübsches Mädchen in vollem Staat, wird ein Gläschen Branntwein dargereicht. Sie leert es, wirft es rückwärts über die Schulter. Ein Bursch zieht der Braut einen Kommodschuh aus, findet ein Geldstück darin und hebt es jubelnd in die Höhe. Nun wird es dem jungen Paar an Geld nie fehlen.

Ich werde freundlich eingeladen beim Hochzeitsschmaus mitzuhalten und lasse mich nicht zweimal bitten. Schweinebraten und Stampfklöse stellen den ersten Gang dar, dem unzählige folgen. Man hört kein lautes Wort. Sie muffeln, daß ihnen der Schweiß ausbricht. Essen ist ein wichtiges Geschäft. In den Gläsern perlt der Wein.

Wilhelm Thielmann Tanzpause 1915

Spätnachmittags tritt der Tanz in seine Rechte. Ein echter „Schwälmer“ wird vorgeführt. Die Paare drehen sich. Der Chor singt:

  • „Seng der da die Hosebängel
    Länger bi die Strempe,
    Es der da des rechte Ben
    Kärzer bie das lenkte“

Es flimmert und wogt, man steht wie geblendet. Die Luft ist zum Ersticken heiß, aber ein Bild bannt einen, daß man sich schwer losreißen kann.

Der Schriftsteller Alfred Bock (1859 – 1932) entstammte einer wohlhabenden und musischen Gießener jüdischen Familie. Der Vater war Fabrikant und betrieb eine Zigarrenfabrik in Gießen, die von Sohn Alfred übernommen wurde, der zeitlebens in seiner Heimatstadt ansässig blieb. Seine ausgedehnten Handelsreisen führten ihn quer durch Hessen und boten ihm Einblick in die Lebens- und Gedankenwelt der Bevölkerung. Von Alfred Bock gibt es zahlreiche zeitgenössischen Erzählungen und Romane. Er  war in seiner Zeit als hessischer Heimatdichter sehr angesehen. Bekannt sind seine Vogelsberg-Erzählungen, in denen er der bäuerlichen Bevölkerung ein bleibendes Denkmal gesetzt hat. So überrascht es nicht sonderlich, dass Alfred Bock auch in der Schwalm unterwegs war. Vor 100 Jahren berichtet er von einem Besuch in Willingshausen. Der Text ist erschienen im Berliner Tageblatt und Handels-Zeitung, Morgen-Ausgabe, am 6. Oktober 1922 und ist aus Frakturschrift vorstehend übertragen worden. Der Text in der Zeitung war ohne Illustrationen veröffentlicht. red