Von der Schwalm in die Welt – Forschungsprojekt zur Schwälmer Weißstickerei

Wenn die Kursschülerinnen in Sachen Schwälmer Weißstickerei  aus Franken am kommenden Wochenende Anna Elisabeth Grein in Willingshausen zufrieden verlassen haben, bleibt der inzwischen 85jährigen Stickmeisterin und Kursleiterin gerade mal der Montag als Ruhetag. Am Dienstag, 1. März macht sie sich auf den Weg nach Homberg-Lützelwig, wo sie von Stickschülerinnen aus der Region sehnlichst erwartet wird, nachdem die Corona-Restriktionen das Zusammenkommen mit feinem Leinen, Nadeln und Stickgarn lange verhindert haben. Nach zwei Ruhetagen erwartet die ausgewiesene Kennerin der Schwälmer Weißstickerei erneut Besuch. Angekündigt sind die Museumsleiterin Heidrun Merk aus Holzburg und Hartwig Bambey aus Kassel.

85jährige Stickerin und Sticklehrerin Anna Elisabeth Grein

Anna Elisabeth Grein, Stickerin und Sticklehrerin  aus Willingshausen, ist weit über die Region hinaus als profunde Kennerin der Schwälmer Weißstickerei bekannt. Sie hat in der Stickwerkstatt Alexandra Thielmanns in Willingshausen Sticken gelernt. Indem Frau Grein bis heute Stickkurse leitet, sorgt sie dafür, dass diese kunstvolle und anspruchsvolle  Schwälmer Traditon in der Region lebendig bleibt und das Wissen darum weiterlebt. „Von der Schwalm in die Welt – Die Stickwerkstatt Alexandra Thielmanns aus Willingshausen“ war der Titel bei einem Erzählcafé 2018 im Schwälmer Dorfmuseum Holzburg mit Anna Elisabeth Grein.

Alexandra Thielmann beim Sticken im Jahr 1936

Alexandra Thielmann – Ehefrau des Willingshäuser Malers Wilhelm Thielmann (1868-1924) und von Haus aus Künstlerin – mußte nach dessen frühem Tod für den Unterhalt der Familie sorgen. Sie gründete eine Werkstatt für Schwälmer Stickerei in Willingshausen, kurz „die Werkstatt“ genannt, ein mutiger und ungewöhnlicher Schritt. Unter ihrer Anleitung stickten zeitweise zehn und mehr Mädchen und junge Frauen überlieferte Schwälmer Motive auf feinem Leinen.

Besonderer Verdienst von Alexandra Thielmann ist es die überwiegend bäuerlichen Schwälmer Stickmotive für eine städtische Kundschaft behutsam verändert zu haben. Es entstanden Bett- und Tischwäsche mit eleganten, luftigen Stickereien, die einerseits die Schwälmer Tradition spiegelten, andererseit etwas völlig Neues entstehen ließen. Es gelang Thielmann bürgerliche Kundschaft zu gewinnen, außerdem adelige Abnehmer.

Als 1938 Prinzessin Friederike von Hannover den griechischen Thronfolger Paul heiratete, wurde die Tischwäsche in der Werkstatt Thielmann geordert. Das sogenannte Griechenlandmuster ging in die Werkstattgeschichte ein. Als Alexandra Thielmann 1966 fast 85jährig starb, konnte sie auf eine Erfolgsgeschichte zurückblicken, die traditionelles bäuerliches Handwerk und Volkskunst mit bürgerlichem Kunsthandwerk verbindet.

„Schnur“ gestickt Marthlies Dörr. Foto M.Dieffenbach vor 1936

Am Freitag 4. März 2022 beginnt das Projekt mit der Bezeichnung „Schwälmer Weißstickerei & Anna Elisabeth Grein“ im Haus der Stickexpertin. Zunächst sind Gespräche angesagt, die allesamt aufgezeichnet werden. Eine Liste mit über 40 Fragen haben Merk und Bambey zur Vorbereitung formuliert. So wird es wohl deutlich nach Ostern sein, bis diese Fragen Frau Grein beantwortet haben wird. Es wird mit Tonträger aufgezeichnet und später transkribiert, in eine wörtliche Textfassung übertragen.
Sichtungen, Sicherungen und Forschungen
Anna Elisabeth Grein wird zunächst in Gesprächen befragt. Am 4. März beginnt das Sicherungs- und Forschungsprojekt über das Leben, die Kenntnisse und Fundus von Stickmeisterin Grein. Es soll gesichert und nach wissenschaftlichen Standards dokumentiert werden. Anliegen von Merk und Bambey ist die Bewahrung des Wissens zur Schwälmer Weißstickerei in der Tradition von Alexandra Thielmann.

Leben und Wissen werden mit Tonaufzeichnungen und teilweise als Videoaufzeichnung dokumentiert.  Dazu gehört auch der Blick zurück auf die erfolgreiche Werkstatt und das Lebenswerk von Alexandra Thielmann. Hier kommt Marthlies Dörr in den Fokus. Diese Schwälmer Stickerin (1877 – 1939) in Willingshausen war die Lehrerin der Witwe von Wilhelm Thielmann. 

Fotografische Dokumentation des Kulturerbes als Volkskunst

Wolfgang Zeller: Kind im Festschmuck mit Marthlies Dörr als Schappelfrau.

Das Forschungsprojekt stellt auf einen langen Zeitraum ab, verkörpert durch drei Vertreterinnen der Disziplin. Nach Sichtung des Stickerei-Fundus von A.E. Grein, darunter traditionelle  Werkstücke als Erbstücke und ihre eigenen Arbeiten, soll dieser fachgerecht fotografisch dokumentiert werden. Dem mehrjährigen Vorhaben zur Erforschung und Publikation der Schwälmer Weißstickerei liegt zu Grunde, dass die hochangesehene Vokskunst bis heute nicht wissenschaftlich erforscht wurd.  Mit der Stickwerkstatt von Alexandra Thielmann hatte dieses Kunsthandwerk eine durchgreifende Verbreitung und Weiterentwicklung erfahren.

Das Forschungsprojekt wird von der Konvekta-C.H.Schmitt-Stiftung gefördert. Mit der Sparkasse Schwalm-Eder und dem Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst verhandelt derzeit M.A. Heidrun Merk wegen weiterer Fördergelder. Ohne eine grundständige finanzielle Ausstattung lässt sich das Vorhaben nicht verwirklichen.