Wie die Malerkolonie Willingshausen entstand

Die Frage wann die ersten Maler in Willingshausen dergestalt anzutreffen waren, dass mit Berechtigung Willingshausen als eine Malerkolonie bezeichnet werden kann geistert – oder wie die Schwälmer sagen würden „wahnert“ – immer noch durch viele Köpfe. Dies gipfelt in der scheinbar beweisbaren Behauptung Willingshausen sei die älteste Malerkolonie in Deutschland, nicht genug damit die älteste in Europa – geradezu also ob neben Barbizon bei Paris in Ländern Europas allesamt Malerkolonien entstanden wären oder existiert hätten. Willingshausen first also ist hier (nicht) die Frage, sondern bei bestimmten  Personen – verbreiteten Vulgärkriterien postmodern-neoliberaler „Ratings“ anhängend – ein Substitut und zugleich Merkmal wissenschaftsfernen Bramarbarsierens, zumeist noch von bildungsfernem Lokalpatriotismus selbstgewiss getragen.**

Selbstbildnis Ludwig Emil Grimm, 1813

Befeuert worden ist solche „Denke“ möglicherweise vom Geschehen um eine Feier zum 100. Geburtstag von Carl Bantzer, aus deren Anlaß  Dr. Wilhelm Schoof 1957/58 in Hessische Heimat,  Heft 3, die Alters- und Entstehensfrage thematisiert hat. Der Philologe  Schoof (1876 – 1975) lebte in Wilingshausen und hat dem Malerdorf (s)eine Gründungslegende geschaffen, die hier in ihren wesentlichen Aussagen wiedergeben wird:

Gerhardt von Reutern, Gemälde von T. Hildebrandt, 1838

Es ist wenig bekannt, daß Willingshausen unter den deutschen Malerkolonien eine der ältesten, wenn nicht die älteste ist, jedenfalls älter als die Malerkolonien Dachau und Worpswede. Erstere wurde Anfang der dreißiger Jahres des vorigen Jahrhunderts durch den Hamburger Christian Morgenstern begründet, während Worpswede erst seit 1895 bekannt geworden ist.

Als erster Künstler der Malerkolonie Willingshausen darf Gerhardt von Reutern aus Livland, ein Verwandter der Familie von Schwertzell zu Willingshausen, angesehen werden. Er kam 1814 zum ersten Mal dorthin, vermählte sich mit einer der Töchter des Hauses, Charlotte von Schwertzell, lebte mit ihr einige Zeit in Livland und kehrte in den 20iger Jahren des vorigen Jahrhunderts dorthin zurück, wo er, mit künstlerischen Arbeiten beschäftigt, ein Jahrzehnt bis zu seiner im Jahre 1835 erfolgten Übersiedlung nach Düsseldorf gewirkt hat . . .

Mit ihm war eng befreundet der Maler und Radierer Ludwig Emil Grimm aus Kassel, der jüngste Bruder von Jacob und Wilhelm Grimm, der auf Einladung Reuterns 1824, 1826 und 1828 nach Willingshausen kam, um diesen im Zeichnen von Köpfen zu unterweisen und mit ihm dort gemeinsam zu malen. Sie beide gelten als die eigentlichen Begründer der Willingshäuser Malerkolonie . . .
So geht die Entwicklung der Schwälmer Malerkolonie Willingshausen auf die ersten beiden Maler der Schwalm Reutern und Grimm zurück, deren Arbeit einige Jahrzehnte später durch Künstler von hohem Rang, wie Ludwig Knaus, fortgesetzt wurde und in ununterbrochener Tradition bis zu Wilhelm Thielmann und Carl Bantzer führte, dessen 100. Geburtstag die Gemeinde Willingshausen feierlich begehen wird.

Soviel von der „Gründungslegende“ zur Entstehung der Künstlerkolonie von Wilhelm Schoof in der frühen Nachkriegszeit – oder anders – rund ein Jahrzehnt nach dem Zivilisationsbruch des Nationalsozialistischen Regimes, dessen Kunstfeindlichkeit auch das Ende der Malerkolonie in Willingshausen bedeutet hatte.

Kontroverse Sichtweisen in der kunsthistorischen Literatur

Zur „Altersfrage“ besser Entstehungszeit der Malerkolonie sind weitere Beiträge veröffentlicht worden. Eine stimmige Zusammenfassung zum heutigen Stand der Forschung in dieser Frage leistet die Masterarbeit von Anna Peplinski mit dem Titel „Zum Vergleich deutscher Künstlerkolonien um die Jahrhundertwende am Beispiel von Willingshausen und Worpswede“ aus dem Jahr 2011:

In dem Ölbild „Hessischens Leichenbegängnis im Winter“ aus dem Jahr 1871 wird deutlich, dass Ludwig Knaus es angelegen war Lebenswirklichkeit abzubilden. Das Bild ist dort Teil der ständigen Ausstellung des Kunstmuseum Marburg. Sternbald-Foto Hartwig Bambey

Mit diesen beiden Künstlern wird die Anfangsphase in Willingshausen markiert, obwohl es sich zu diesem Zeitpunkt noch nicht um eine Künstlerkolonie gehandelt hat. Dennoch wurde durch von Reutern und Grimm der Weg Willingshausens als Künstlerkolonie geebnet, da durch sie, ab den 1830er Jahren, weitere Künstler in das Dorf kamen. Im Hinblick auf die genaue Gründung der Kolonie sind kontroverse Diskussionen in der kunstwissenschaftlichen Forschung zu verzeichnen. Das Gründungsdatum wurde zeitlich immer weiter nach hinten verschoben und sogar erst mit der Blütephase ab den 1880er Jahren verortet. Problematisch erscheint eine eindeutige Datierung, da diese mit der Definition einer Künstlerkolonie zusammenhängt. In der neueren Literatur zum Künstlerort Willingshausen hat sich allerdings die Ansicht durchgesetzt, dass die Entstehung der Kolonie in die Mitte des 19. Jahrhunderts und daher mit dem Erscheinen weiterer Künstler in dem Ort fällt. Da nicht wirklich von Initiatoren hinsichtlich der Entstehungsgeschichte der Kolonie gesprochen werden kann, jedoch verschiedene Perioden im Verlauf des Bestehens zu identifizieren sind, werden nachfolgend einige Vertreter der jeweiligen Phase vorgestellt.

In der Dissertation über Willingshausen wird von Silke Gonder*** ausführlich die Entstehenszeit der Malerkolonie geschildert, die vorliegenden Veröffentlichungen werden referiert. Im Ergebnis plädiert Gonder, wie knapp 10 Jahre zuvor Peplinski, dafür die Jahre um 1850 als Enstehungszeitraum der Malerkolonie zu betrachten: 

Der erste Aufenthalt des Balten von Reutern am Ort im Jahr 1814 wurde in der Literatur bis in die fünfziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts als die Entstehung oder gar Gründung der Kolonie beschrieben. Da dies kunsthistorisch auf Dauer nicht aufrecht zu halten war und neuere Publikationen wissenschaftlicher Bedeutung außerdem weit jüngere Daten in die Diskussion warfen, rückte man von diesem Zeitpunkt ab. Die 1820er oder 40er Jahre galten daraufhin als Entstehungszeit. Sehr aktuell wird von örtlichen Vertretern nun das Jahr 1820 angeführt, und damit wäre Willingshausen wiederum Europas älteste Künstlerkolonie.( S. 145)“

Verwundern kann in der wissenschaftlichen Veröffentlichung von Gonder, dass sie „örtlichen Vertretern“, die „nun das Jahr 1820 angeführt“ hätten, eine Kompetenz zu dieser Frage zubilligt. (S.145) Immerhin bleibt sie zurückhaltend indem sie den Konjunktiv wählt um zu artikulieren „damit wäre Willingshausen wiederum Europas älteste Künstlerkolonie.“

Rückstand der Kunstwissenschaften zu Willingshausen

Beide Autorinnen bringen zum Ausdruck, dass zumindest in den vergangenen 10 Jahren keine Forschungen und Veröffentlichungen von Kunsthistorikern mehr zu verzeichnen sind.**** Bekannt sind die großen Namen Willingshausens, wie Ludwig Knaus, Carl Bantzer, Wilhelm Thielmann. Zu ihnen und zahlreichen anderen Malern existieren Kataloge von Ausstellungen und Biografien. Es ist gleichwohl zu konstatieren, dass die Malerkolonie Willingshausen in der Forschung kein Gegenstand mehr ist und es an aktuellen kunstwissenschaftlichen Veröffentlichungen fehlt.

Fundierte Initiativen dazu wurden 2012 und 2016 aus Willingshausen heraus verhindert und agressiv abgewehrt. Aus dem Ort selbst wurde also Wissenschaft blockiert, ein unhaltbarer Zustand, für den der zum 31.12.2021 aus dem Amt geschiedene Bürgermeister Heinrich Vesper mehr als nur mitverantwortlich ist. Wie die Malerkolonie Willingshausen entstand ist mithin eine offene Frage und wichtiges Feld für Quellenforschungen und kunsthistorische Veröffentlichungen. Hartwig Bambey

** Bei einem Besuch in Willingshausen im Jahr 2019 zur Besichtigung des Malerstübchens für Fotoaufnahmen wurde der Autor dieses Beitrags Ohrenzeuge des Telefonats eines Mitarbeiters, in dem „zu 2024 kommen in letzter Zeit Vorschläge“ erörtert wurde.
*** Silke Gonder „Terra incognita: Studien zu Dorf und Künstlerkolonie am Beispiel Willingshausen in der Schwalm. Fremdheitserfahrungen – gelebte Gemeinschaft – wechselseitiger Einfluss“ —>Online-Version
****Eine positive Ausnahme ist der zur beeindruckenden Ausstellung „Homecoming Ludwig Knaus“ in 2020 in Wiesbaden publizierte Katalog.