Die Schwälmer Weißstickerei und Anna Elisabeth Grein

von Heidrun Merk und Hartwig Bambey

In Willingshausen startet ein umfangreiches Forschungsprojekt

Vernetzungstreffen von Kulturaktiven aus der Region in der „Neustädter Sieben“ im Herbst 2021. Sternbald-Foto Hartwig Bambey

Der Gegenstand dieses Beitrags ist in mehrfacher Weise mit Willingshausen verknüpft, gleichermaßen in kulturhistorischer Betrachtung wie im Zustandekommen des Projekts zur Sicherung und Erforschung der Schwälmer Weißstickerei in der Gegenwart. Das Jahr 2021 in Willingshausen hat einige Veränderungen im „Malerdorf“ hervorgebracht. Mit der Gründung der Kulturinitiative Willingshausen e.V., kurz KIWI, wurde nicht alleine der jahrelange Leerstand in dem Bäckereiladen in der Neustädter Staße beendet. Es gab zwei Ausstellungen dort zu erleben, die Malschule Willingshausen von Ulrike Schulte, Bremen, hat dort ihre mehrwöchigem Kurse für Freizeitmaler/innen angeboten.

Gefördert vom Programm „Landkulturperlen“ hat KIWI Kunstfreunde und Kulturaktive aus der Region zu mehreren Vernetzungstreffen eingeladen. In diesem Rahmen eines geförderten Kulturdialogs ist es zur ersten Begegnung und einem Gespräch zwischen der Autorin und dem Autor dieses Beitrages gekommen. Daraufhin haben wir dann das Projekt entwickelt, das in diesem Artikel vorgestellt wird.

Was ist die Schwälmer Weißstickerei?

Die Schwälmer Weißstickerei ist eine Sticktechnik, die sich aus der Tradition der mittelalterlichen Zisterzienserklöster entwickelt hat. Damals waren die Nonnen zuständig für die Anfertigung und Verzierung von Textilien für den liturgischen Gebrauch (Paramente). Nach der Säkularisierung der Klöster in Hessen im 16. Jh. hat sich die Weißstickerei weiterentwickelt. Sie fand Verwendung bei der Herstellung von Tisch- und Bettwäsche und kunstvoller Bestandteil der Schwälmer Tracht, wie  Mieder, Hemden, Paradetaschentücher u.a.m.

Die Schwälmer Weißstickerei zeichnet sich dadurch aus, dass sie viele verschiedene Sticktechniken wie Hohlsäume, Auszugstechnik, Blattstichtechnik, Filetstickerei und Klöppeln vereint. Beliebte Motive sind Tulpen, Herzen, Sterne und Vögelchen, Motive, die in der Schwälmer Kultur generell, nicht alleine in der Tracht,  auch bei Haushaltsgeräten und Möbeln Verwendung finden.

Wer ist Anna Elisabeth Grein?

Anna Elisabeth Grein, Stickerin und Sticklehrerin aus Willingshausen, ist weit über die Region hinaus als Kennerin der Schwälmer Weißstickerei bekannt. Sie hat in der Stickwerkstatt Alexandra Thielmann das Sticken gelernt. Bis heute leitet Frau Grein Stickkurse und sorgt dafür, dass diese kunstvolle und anspruchsvolle Schwälmer Tradition und Kulturtechnik in der Schwalm und weit darüber hinaus lebendig bleibt.***

Wer war Alexandra Thielmann?

Um das Jahr 1921 ist diese Radierung von Wilhelm Thielmann entstanden. Vier Frauen sitzen um einen Tisch am Fenster, ganz rechts in der zweiten Reihe ein junges Mädchen. Bildquelle Friedrich Pietsch: Gemaltes Hessen, S. 72

Die Künstlerin Alexandra Thielmann ist die Frau des Willingshäuser Malers Wilhelm Thielmann (1868-1924). Nach dem frühen Tod ihres Mannes  musste sie für den Unterhalt ihrer Familie sorgen und gründete – angeregt durch die Tradition der Schwälmer Weißstickerei – eine Stickwerkstatt in Willingshausen. Ein ungewöhnlicher und mutiger Schritt. Unter ihrer Anleitung stickten zeitweise zehn und mehr Mädchen und junge Frauen Schwälmer Motive auf feines Leinen.

Frau Thielmann gelang es die traditionellen Schwälmer Motive behutsam für eine städtische und adelige Kundschaft weiterzuentwickeln und zu verändern. Es entstanden Bett- und Tischwäsche (Aussteuer) mit eleganten, luftigen Stickereien, die an die traditionelle Schwälmer Weißstickerei anknüpfen, aber etwas völlig Neues entstehen ließ. Regelmäßig stellte Frau Thielmann auf der Leipziger Messe aus.

Als 1938 Prinzessin Friederike von Hannover den griechischen Thronfolger Paul heiratete, wurde die Tischwäsche in der Werkstatt Thielmann gefertigt. Als Alexandra Thielmann 1966 fast 85jährig starb, konnte sie auf eine ausgeprägte Erfolgsgeschichte zurückblicken, die traditionelle bäuerliche Stickkunst mit bürgerlichem Kunsthandwerk verbindet.

Was das Projekt „Schwälmer Weißstickerei & Anna Elisabeth Grein“ leistet

In einem ersten Projektschritt soll Frau Anna Elisabeth Grein und ihr Werk in den Fokus genommen werden. Ihr Leben und ihr Fundus stehen im Mittelpunkt ausführlicher Befragungen von Frau Grein durch Heidrun Merk M.A. und Hartwig Bambey. Die Gespräche werden aufgezeichnet, transkribiert und nach wissenschaftlichen Standards dokumentiert. Begleitend dazu sollen ihr Fundus Stickarbeiten gesichtet, systematisiert und fotografisch hochwertig dokumentiert werden.

Dieser erste Projektabschnitt im Jahr 2022 ist der Beginn des Dokumentations- und Sicherungsprojekts zur Erforschung und Publikation der Schwälmer Weißstickerei, die durch die Stickschule Alexandra Thielmann in Willingshausen ihre besondere Ausprägung und weite Verbreitung erfahren hat.

In einem zweiten Schritt wird ein Katalogprojekt zur Erarbeitung eines Bestandskataloges angegangen, wobei nicht nur die Arbeiten von Frau Grein dokumentiert werden, sondern auch den folgenden Fragen nachgangen wird:

– Was macht die Schwälmer Weißstickerei so wertvoll und besonders?
– Was unterscheidet sie von anderen Stickregionen in  Hessen, Deutschland, in Europa?
– Ist die Schwälmer Weißstickerei eine aussterbende Kunst? Welche Zukunft hat sie?

Umschlag des Kataloges mit Textbeiträgen von M. A. Heidrun Merk einer im Schwälmer Dorfmuseum Holzburg in 2021 wegen der Corona-Restriktionen verhinderten Austellung.

In einem dritten Schritt ist eine Ausstellung im Schwälmer Dorfmuseum Holzburg bzw. in der Kunsthalle Willingshausen angedacht. In Verbindung damit wird die Publikation eines wissenschaftlichen Katalogwerkes vorbereitet.

Im vierten Schritt soll schließlich ein Konzept für eine medial-museale Umsetzung, idealerweise im Gerhardt-von-Reutern-Haus in Willingshausen, entwickelt werden. Damit können überlieferte Werkstücke der historischen Weißstickerei aus dem 19. Jahrhundert und der Zeit davor, für Publikum adäquat präsentiert werden und damit verknüpft die (Weiter-)Entwicklung der Muster, Techniken und Trägerstücke über einen Zeitraum von mehr als 200 Jahren Präsentation finden. Dass am Anfang zunächst der Flachsanbau geschieht, dazwischen am Spinnrad und am Webstuhl die groben und feinen Leinenstoffe gewebt werden mussten, soll Bestandteil multiperspektivischer Präsentationen werden. 

 

AutorInnen und Literatur zur Schwälmer Weißstickerei

Heinrich Giebel Stickerin Marthlies Dörr

Angelika Baeumerth: Die Stickerin Marthlies Dörr, in Hessische Heimat, Heft 3 1992
Carl Bantzer: Hessen in der deut­schen Malerei. 2. Ausgabe. Mar­burg 1939, S. 79-80
August Gandert/Brunhilde Miehe: Handwerk und Volkskunst in der Schwalm. Schwalmstadt o.J. ( 1983)
Heidrun Merk: Leinen, Samt und Seide – Luxusstoffe für die Schwälmer Tracht,. Ausstellungskatalog, Schrecksbach-Holzburg 2021
Friedrich Piesk: Gemaltes Hessen – Hessische Malerei des 19. und 20. Jahrhundert im Freilichtmuseum Hessenpark, Neu-Anspach 2011
Werner F.v. Reitzenstein: Marthlies Dörr, der Schwälmer Stickerin und Malerfreundin zum Gedächtnis. In: Hessenland, 49. Jg.,  Marburg 1938
Karl Rumpf: Alte bäuerliche Weißstickereinen, Marburg 1937, 2.Aufl.1979
Adolf Spamer: Hessische Volks­kunst, Jena 1939
Wolfgang Sehellmann u.a.: Marga­rethe Dieffcnbach. Hessischer Trachtenalltag. Tracht als Spiegel ländlicher Lebensweisen 1925 – 1935. Frankfurt am Main 1983

Diese Literaturauswahl macht anschaulich, dass Autoren und Autorinnen seit etwa 100 Jahren sich der Volkskunst Weißstickerei widmen. Zugleich ist festzustellen, dass bisher keine wissenschaftliche Gesamtbetrachtung geleistet worden ist. So hoffen wir, dass nicht alleine Stickfrauen und Freunde der kunstvollen Erzeugnisse des „Weißstickens“ Interesse artikulieren. Für die Aufwendungen und Arbeiten braucht das Projekt zunächst eine solide finanzielle Ausstattung. 

Mit den Besuchen, Gesprächen und Befragungen von Anna Elisabeth Grein wird ein wichtiger Anfang gesetzt um lebendiges Wissen zu erfragen, zu dokumentieren und damit der Nachwelt zu überliefern. Eine erste Förderzusage seitens der Konvekta-C.H.Schmitt-Stiftung liegt erfreulicherweise vor. Weitere Förderung wird für den ersten Projektabschnitt allerdings noch benötigt. Dazu finden im März Gespräche statt und Förderanträge werden gestellt.

Sicherung und Forschung für Themenräume in einem Museum

In Willingshausen beginnt gerade ein interessantes und weitreichendes Sicherungs- und Forschungsprojekt. Dass dabei interkommunale Zusammenarbeit praktiziert wird und Fragestellungen interdisziplinär bearbeitet werden, könnte dazu beitragen die wichtige Wahrnehmung zu finden. Dass für Willingshausen unbedingt eine substantielle und zeitgemäße museale Darstellung erst noch entwickelt werden muss, um Verwirklichung zu finden ist uns bewußt. Es ist angezeigt und erscheint uns geboten dies deutlich kund zu tun.

Mit Millionenaufwand soll das Gerhardt-von-Reutern-Haus nach bisheriger Entscheidungslage saniert und modernisiert werden. Eine seriöse Konzeption für die spätere Nutzng fehlt. Bei den Planungen ist die Museumsberatung außen vor gelassen worden, Angebote von Kunsthistorikern wurden mehrfach ignoriert. Sternbald-Foto Hartwig Bambey

Vor wenigen Tagen wurde der Haushalt 2022 von Bürgermeister Luca Fritsch in das Gemeindeparlament zur Beratung eingebracht. Bisher sind bedauerlicherweise keine Informationen über eine Konzeption, Nutzung und inhaltliche Ausgestaltung des Großbau-Vorhabens Gerhardt-von-Reutern-Haus mitgeteilt worden. Dies kann mehr als nur Verwunderung auslösen. Vor einiger Zeit wurden bereits von 1,5 Millionen Euro Baukosten mitgeteilt. Brandschutzauflagen, neue Toiletten und ein Fahrstuhl (?) können und dürfen nicht alles sein, was mit diesem Megaprojekt für die kleine Gemeinde Willingshausen verbunden wird.

Es ist nicht alleine die Geschichte der Malerkolonie, die schon lange auf eine angemessene Darstellung in Willingshausen wartet.
Vor 10 Jahren bereits hat ein anerkannter Kunsthistoriker profunde Vorschläge – bis hin zu einem Raumprogramm – vorgelegt. Abgelehnt. Vor 6 Jahren hat eine Kunstwissenschaftlerin aus Kassel grundlegende Vorschläge zur Forschung und Archivsicherung unterbreitet. Vergebens. Vor zwei Jahren wurde erneut ein Konzept dem Bürgermeister und der Willingshausen Touristik vorgestellt. Erneut gab es keine Reaktion.

Nach ersten Öffnungen und auch personellen Veränderungen in 2021 sehen wir Chancen, dass man sich in Willingshausen besinnt und öffnet. So blicken wir mit großem Interesse darauf wie Bürgermeister Luca Fritsch sich positionieren wird.

*** Bei Stickmeisterin Anna Elisabeth Grein ist an diesem Wochenende eine Gruppe von Frauen aus Franken zu einem zweitägigen Stickkurs zu Gast. Am 1. März findet in Homberg-Lützelwig ein Stickkurs von Frau Grein statt. Die Schwälmer Weißstickerei hat reiche Traditionen und lebt weiter in unserer Zeit – im Malerdorf Willingshausen.