Das einzig Beständige ist der Wandel – Beobachtungen und Betrachtungen zu Willingshausen

Ein Essay von Hartwig Bambey | Die Website Art Willingshausen von Sternbald Intermedia ist noch keine drei Monate „on air“ – und schon geschieht der erste Relaunch***. Kaum hat sich Leserin und Leser an die bisherige Kopfleiste gewöhnt, da wird sie bereits ersetzt. Besonders bei Internetmedien ist laufende Veränderung normal und notwendig, ob nun durch die Technik induziert oder aus gestalterischen, funktionalen oder inhaltlichen Beweggründen.
***Relaunch ist der Fachbegriff aus dem Englischen für die “Wiedereinführung” oder einen “Neustart” für ein Produkt. Bei Automobilen, wie beispielsweise dem VW Golf, kommt ein neues, anders aussehendes Modell als Golf 5, 6 oder Golf 7. Bei Medien, z.B. Zeitungen, erscheinen diese nach einem Relaunch mit einem mehr oder weniger stark verändertem Äußeren und Satzbild etc.. Bei einem Online-Medium wie Art Willingshausen mit seinem noch kleinem Umfang geschieht der Relaunch „on the fly“ (während des Fluges) also im laufenden Betrieb. Dieser Relaunch bringt eine neue Kopfzeile und er verändert die Struktur. Bisher ist die Website untergliedert in folgende Seiten oder Themenbereiche: zur Startseite | Über Art Willingshausen | Historisch | Malerkolonie | Kunsthandwerk | Foto-Galerie | Kontakt | Willingshausen-Symposium. Es verschwindet „Historisch“ indem dies eingeht in „Malerkolonie“. Die Malerkolonie Willingshausen ist historisch, also längst Vergangenheit. Denn sie hat in den 1920er Jahren nach dem Ersten Weltkrieg ihre Schlussphase erlebt. Insofern fällt es nicht schwer „Historisch“ mit „Malerkolonie“ zu verschmelzen. Es wird dabei niemanden irrirtieren, wenn sich unter „Malerkolonie“ ab heute auch historische Beiträge finden lassen, die sich wenig oder gar nicht mit der „Malerkolonie Willingshausen“ beschäftigen sondern andere „historische Themen“ abhandeln. Anstelle der „Foto-Galerie“ kommt „1824 Willigshausen 2024. Dort wird ein Konzept veröffentlicht und vorgestellt.

Damit belegt eo ipso bereits der Relaunch von Art Willingshausen die Aussage der Überschrift dieses Essays Das einzig Beständige ist der Wandel. Eine Selbstbespiegelung ist hier nicht angezeigt. In den Beobachtungen und Betrachtungen zu Willingshausen sollen – gleichermaßen nach vorne wie in den Rückspiegel blickend – Geschehnisse und Verhältnisse in dem „Malerdorf Willingshausen“ aufgezeigt und analysiert werden, wobei anschaulich werden wird, dass in Willingshausen und für Willingshausen mittels Aufklärung, Eingriffen und Maßnahmen eine Öffnung und durchgreifende Veränderungen herbeigeführt werden. Um dies als These oder Behauptung unmißverständlich voranzustellen.

Stillstand brachte Regression und Verhinderung – in Willingshausen

„Plakatwand“ von Janosch Feiertag, dem 52. Stipendiaten des Künstlerstipendium Willingshausen, als Teil der exceptionellen „Wursthimmel- und Scheunentor“ Installation in der Kunsthalle Willingshausen im Herbst 2021. Sternbald-Foto Hartwig Bambey

Eine rund 10jährige Phase des Stillstands und der Regression wurde bereits beendet – das Jahr 2022 wird weitere Angebote, Eingriffe, veränderte und verändernde Strukturen und Verhältnisse zur Umsetzung und Wirkung bringen. (1)

Nach 18 Monaten des Schweigens, Übergehens und Verschweigens seitens des inzwischen in Ruhestand verabschiedeten Bürgermeisters Heinrich Vesper und seitens der Verantwortlichen der Willingshausen Touristik, (2) sind zum Jahresanfang 2022 Maßnahmen und Schritte im Ort selbst und darüber hinaus eingeleitet worden. Zuletzt ist das Ideen- und Konzeptpapier 1824 Willingshausen 2024 des Autors dieses Artikels vom Juli 2020 in Art Willingshausen veröffentlich worden. Direkt anschließend ist den Mitgliedern des Ortsbeirats Willingshausen zugesendet worden. Dies zeitigte unmittelbare Wirkungen, löste hektisches Nachdenken und aktionistische Aktivitäten aus.

Überschrift des Konzeptes aus Juli 2020, —>per Mausklick

Die Folgen der Veröffentlichung eines den Verantwortlichen und bisherigen Akteuren längst bekannten Konzeptes waren mithin enorm, in mancher Hinsicht wenig überraschend, in anderer Hinsicht jedoch geradezu erschreckend und entlarvend (3).

In der Kunsthalle präsentierte Emilia Neumann plastische Arbeiten entstanden im Rahmen des Stipendiums. Sternbald-Fotografie Hartwig Bambey

Im Jahr 2005 wurde die Kunsthalle Willingshausen in Betrieb genommen. Die kleine Kommune hat den Bau in Angriff genommen, nachdem in 1996 das „Künstlerstipendium Willingshausen“ auf Initiative der Kreissparkasse Schwalm-Eder im Zusammenwirken mit der Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen ins Lebens gerufen worden war. In jedem Jahr zwei vierwöchige Ausstellungen der beiden jährlichen Stipendiaten – als Teil dieses finanziell sehr ordentlich ausgestatteten Förderinstruments – haben bald einen Bedarf für adäquate Räumlichkeiten zur Kunstausstellungen in Willingshausen sichtbar werden lassen. Zudem wurden in Willingshausen bereits eigene Ausstellungen präsentiert, mit Bezug auf das Werk verschiedener Maler aus dem 19. und 20. Jahrhundert, die verstärkt ab den 1880er Jahren bis zur Zäsur des Ersten Weltkriegs 1914 sommertags in den Ort zu Studien- und Arbeitsaufenthalten gekommen waren.

Impulse durch das Künstlerstipendium – Bau einer Kunsthalle in 2005

Damit hat sich das Künstlerstipendium als innovative Maßnahme nicht alleine für inzwischen 52 geförderte Künstlerinnen und Künstler erwiesen. In Willingshausen kam es zu einen Aufbruch. Nach der Inbetriebnahme des Gerhardt-von Reutern-Hauses 1989 wurde sechs Jahre später eine Kunsthalle gebaut und in Betrieb genommen. Diese ist seitdem ununterbrochen in Betrieb. Sie wird im Rahmen einer vertraglichen Regelung (4), in anderen Ortsteilen gibt es Entsprechendes für dortige Gemeinschaftshäuser, von der WTB (Willingshausen Tourismus Betriebs GmbH) bei Finanzierung des Defizitanteils der Kosten durch die Gemeinde betrieben. Zunächst war also Einiges zum Positiven zusammen gekommen in dem kleinen Dorf als Teil der Großgemeinde mit kaum 5.000 BewohnerInnen.

Oftmals wird immer noch die Bezeichnung „Malerdorf“ für und in Willingshausen verwendet. Damit wird Paul Heidelbach bewußt oder unbewußt zitiert. Spätestens seit 1996, als Startjahr des Künstlerstipendiums, ist dieser Begriff völlig obsolet. Es wurde nun einmal ein Künstlerstipendium ins Leben gerufen und entsprechend vielseitige Disziplinen künsterischen Schaffens, wie Bildhauerei, Medienkunst, Malen, Zeichnen, Collagen, Performance, geben sich seitdem in Gestalt von je zwei jungen KünstlerInnen im Antrefftal jährlich die Klinke in die Hand.

Damit erweist sich die Verwendung des Begriffes „Malerdorf“ als Verfälschung und Verklärung bis hin zum Heimat tümelnden Attributieren. Leider beteiligen sich daran RedakteurInnen der Lokalzeitung HNA / Schwälmer Allgemeine, indem sie wiederholt einen Sammler von Gemälden und Werken von Willingshäuser Malern zum „Kunstexperten“ stilisieren.

Entlarvung von Gralshüterei und reaktionärer Einstellungen

Es hat sich als folgenschwerer Fehler in Willingshausen erwiesen nicht den Weg (konsequenter) Professionalisierung zu beschreiten. Es gab Anfänge dafür, indem eine Kunsthistorikerin projektbezogen angestellt wurde. Trotz anerkannt guter Arbeit(ergebnisse) und Impulse, beispielsweise mit schul- und kinderbezogenen Angeboten, mithin einer zugleich museumspädagogischen Orientierung, wurde das Arbeitsverhältnis beendet (siehe nebenstehenden —>Bericht in der HNA).

Eine Professionalisiserung wird seit 2012 verweigert. Anstelle qualifizierter Kunsthistoriker haben örtliche Akteure sich geradezu der WTB bemächtigt, besetzen Stellen, schanzen sich Werkverträge aus Projektfördermitteln zu und – de mortuis nil nisi bene – haben zunehmend Bürgermeister Vesper getäuscht und vorgeführt, obwohl die Gemeinde Mehrheitsgesellschafter WTB ist, und damit der bestimmende Gesellschafter, in der immer fragwürdiger agierenden Willingshausen Tourismus Betriebsgesellschaft. (5) 

Renitenz und Ignoranz – Verein Malerstübchen wider Rat und Gebot 

Bei der Thielmann-Eröffnung war, auch in Geißels Begrüßung, Trotz spürbar: Wenn – so wörtlich – der „große Häuptling, der hier angetanzt kam“, mit seinem professoralen Rat wegbleibt, schaffen wir es eben allein, auch ohne Museums-Leihgaben. Die Ehrenamtlichen fühlten sich von Küster vor den Kopf gestoßen.
Küster bleibt dabei, dass auf Dauer ein Professionalitätsschub fürs Malerstübchen nötig sei: „Guter Wille reicht nicht. Ohne fachliche Begleitung und dauerhafte Förderung von außen wird es nicht funktionieren.“ Das sieht der Hessische Museumsverband genauso. Ohne ein zukunftsträchtiges, fachlich stimmiges Museums- und Ausstellungskonzept, so Geschäftsführer Rolf Luhn, wird kein Geld mehr nach Willingshausen fließen.
Da mutet es widersinnig an, dass Kunsthistorikerin Werkmeister, die auch mit einem vom Verband finanzierten Werkvertrag die Inventarisierung des Malerstübchens vorgenommen hat, vermutlich zum Jahresende aufhören muss. Sie selbst sieht ihre Aufgabe längst nicht als erfüllt an, sondern noch viel Potenzial, und freut sich über Unterstützung im Ort. Das Stipendium betrachten sowieso alle als Erfolgsgeschichte. Werkmeister sagt aber auch: „Die Kunsthalle funktioniert nur, wenn man nicht alles komplett auf ehrenamtliche Füße stellt.

Dieser ebenso sachliche wie fundierte Bericht in der Tageszeitung im November 2014 offenbarte die verstockt-reaktionäre Einstellung einer kaum handvoll Akteure in Willingshausen, angeführt vom Vorsitzenden Helmut Geißel. Über Jahre konnte dann eine verschworene Clique weitermachen, ohne dass vom Bürgermeister seiner Verantwortung gemäß eingeschritten wurde. Dies kulminierte schließlich in anmaßenden Verhaltensweisen gegenüber zwei Stipendiatinnen und gegen den langjährigen bewährten Kurator Bernhard Balkenhol. Die krassen Übergriffigkeiten flogen auf und wurden öffentlich gemacht.

Einen letzten Coup landete die WTB-Clique indem ein 80jähriger Hochschullehrer mit guten Beziehungen als Kurator von der Sparkassen-Kulturstiftung berufen wurde. Nach weniger als einem Jahr war diese Fehlbesetzung ebenso offenbar, wie weitere Verfehlungen des Ehepaares Ulrike Becker-Dippel und Paul Dippel öffentlich gemacht wurden. (6)

Stillstand, Rückzieher Bürgermeister und Neustädter Sieben

In zahlreichen Berichten in Tageszeitung, Anzeigenblättern und Online-Medien erfuhr die Öffentlichkeit ab Jahresmitte des letzten Jahres von Veränderungen und Aufbruch. In letzter Minute verkündete Bürgermeister Heinrich Vesper seinen Rückzieher von seiner bereits angekündigten erneuten Kandidatur als Gemeindeoberhaupt – nach 24 Jahren. Auskunft zum Stand der Dinge in Sachen Großbaumaßnahme „Gerhardt-von-Reutern-Haus“ wurde von ihm faktisch verweigert. Kunstfreunde aus Willingshausen gründeten im Juli die Kultur-Initiative Willingshausen e.V. (KiWi) und präsentierten Ausstellungen in der „Neustädter Sieben“, wo vormals Brot gebacken und im Lebensmittelladen verkauft wurde. Die Malschule Willingshausen fand dort ein neues Domizil mit besseren Gegebenheiten, wie die zahlreichen Kursteilnehmerinnen zufrieden berichteten. Zum folgenreichen Höhepunkt ist die Bürgermeisterwahl geworden. Mit Zustimmung von über 80 Prozent wurde Luca Fritsch am 27. September gewählt und hat per Dienstantritt am 3. Januar 2022 begonnen sich den anstehenden Aufgaben zu widmen. Dass mit Janosch Feiertag ein starker Macher als Stipendiat im Herbst 2021 in Willingshausen in Erscheinung trat, muss beinahe schon als Katharsis interpretiert werden.

Ob Willingshausen seine dergestaltige Befreiung  ebenso dringend benötigt hat, wie der Öffentlichkeit endlich einmal die kunstvolle und fröhliche Botschaft zu verkünden war, dass mit den Mitteln unverbrauchter junger Kunst in Willingshausen es deutlich anders abgeht, ist inzwischen schon wieder Geschichte. Von der Kulturstiftung wurde inzwischen eine kompetente neue Kuratorin berufen und eine der beiden diesjährigen Künstlerinnen hat ihr Werk begonnen. Dies gibt Anlass zu berechtigten Hoffnungen bei vielen Menschen im Ort, die allzulange ungute und fragwürdige Machenschaften ertragen mussten, mit der Folge, dass bei Ausstellungseröffnungen Publikum aus dem Ort nahezu gänzlich fehlte.

Eine neue Kultur-Initiative im Ort, der neue gut aufgestellte Bürgermeister und die neue bestens qualifizierte Kuratorin stehen für Veränderungen und für weiteren Aufbruch und Öffnung. Das sind starke Faktoren und Personen, die sich nicht zur Seite drücken lassen. Über den Ortsbeirat hat dies in der WTB hochnervöse Reaktionen und erneut krasse Fehlhandlungen in Gang setzt, wie mir in mehreren Gespräch gestern in Willingshausen mitgeteilt wurde. Darin offenbart sich mehr als Nervosität, die Schwächen der selbsternannten minderqualifizierten Akteure treten immer mehr zu Tage.

Ein „Wind of Change“ weht durch das Antrefftal, unübersehbar im noch jungen Jahr, und mit den länger werdenden Tagen mit zunehmender Kraft und deutlich werdenden positiven Perspektiven. Mehrere renommierte Wissenschaftlerinnen werden am 1. Oktober bei einem Kunsthistorischen Symposium referieren. Lange zuvor schon haben die Gemeindevertreter Stellung zu beziehen wie sie es halten wollen mit der Millioneninvestition Gerhard-von-Reutern-Haus. Es geht bereits um im Dorf, dass Skepsis und Zweifel in der Gemeindevertretung zunehmen. Für Nachdenken, kritisches Überprüfen und Zweifel gibt es sehr triftige Gründe, die bereits vor Wochen vorgetragen worden sind.  

In zwei Wochen wird der von Bürgermeister Luca Fritsch vorgelegte Haushaltsentwurf 2022 in Klausur beraten. 434.000 Euro sind als Übertrag aus 2021 für die Großbaumaßnahme Gerhardt-von-Reutern-Haus zunächst eingestellt. Wer hinschaut, nachfragt wofür das viele Geld ausgeben werden soll, wird erfahren, dass ein schlüssiges Konzept fehlt. Der Hessische Museumsverband mit seiner Expertise wurde außen vorgehalten. Wem im Gerhardt-von-Reutern-Haus eine teure Fahrstuhlanlage nützen soll, müsste als Frage beantwortet werden. Es gibt längst eine Anbindung der oberen Etage mittels Rampe. Einen Raumgewinn wird es nicht geben und für neue Toiletten müssen keine 1,5 Millionen investiert werden. Es werden mithin wichtige Fragen nach dem wofür, wie und warum zu stellen und zu beantworten sein.

Bürgermeister Fritsch wird sich nicht darauf berufen wollen und können, dass sein Amtsvorgänger hier keine Antworten gegeben und hinterlassen hat. In Willingshausen gibt es Wandel und Veränderungen. Dies sollte ein geplanter und gestalteter Prozess sein. Davon ist man bisher, seit rund einem ganzen Jahrzehnt in Sachen Kunstverständnis, sachverständigem Handeln und professionellem Auftreten meilenweit entfernt. Das lässt sich leicht überprüfen, ein Mausklick genügt.

Willingshausen war mehr, ist mehr und verdient mehr und Besseres. Dem kann sich kein vernünftiger Mensch länger entziehen.

 

Anmerkungen und Erläuterungen:
(1) Siehe hierzu zahlreiche Berichte als Übersicht insbesondere in das Marburger.

(2) Mit der Gründung der WTB  als GmbH wurden zwar Rahmenbedinungen für eine Professionalisierung geschaffen. Eine solche wurde jedoch nicht verwirklicht, im Gegenteil setzt eine kleine Clique alles daran Außenstehende, Interessierte bis hin zu Wissenschaftlern fern zu halten.

(3) Hierzu folgt ein gesonderter Bericht.

(4) In die Veträge zur Nutzung und Überlassung von Gerhardt-von-Reutern-Haus und Kunsthalle an die WTB wurden bereits vor 3 Wochen Gelegeheit zur Einsichtnahme bei der Gemeindeverwaltung erbeten. Bisher ohne Erfolg.

(5) Die Hessische Gemeindeordnung war in Willingshausen lange Zeit geduldiges Papier, über deren Bestimmungen man sich hinweg setzte, indem der langjährige angestellte Geschäftsführer gleichzeitig Mandatsträger gewesen ist:  Verstoß gegen § 43 der HGO.

(6) Siehe hierzu die Abschiedsrede von Bernhard Balkenhol nach 15 Jahren Kuratoren-Tätigkeit für das Künstler-Stipendium.