Im Willingshäuser Malerheim

von Paul Heidelbach

Im Majolikazimmer des Weimarer Goethehauses hängt eine getuschte Federzeichnung „Waldpartie im Willingshäuser Wald“. Sie ist 1828, also genau vor hundert Jahren, entstanden und stammt von Gerhardt von Reutern, den wir als den ersten Willingshäuser Maler zu bezeichnen pflegen. 1814 war er zuerst nach Willingshausen gekommen, hatte sich dort 1820 mit Charlotte von Schwertzell vermählt und bis 1835 hier seinen Wohnsitz gehabt. Als zweiter Maler war Ludwig Emil Grimm von Kassel aus nach Willingshausen gekommen.

In den 1840er Jahren treffen wir dort u. a. Dielmann, Jakob Becker und vor allem Ludwig Knaus. Immer stärker wird der Zugang von Malern, besonders in den 60er und 70er Jahren. Es kamen, um aus der großen Zahl nur ganz wenige zu nennen, zum ersten Mal 1874 Adolf Lins, 1882 Paul Thumann, 1883 Hugo Mühlig, Heinrich Otto, Otto Strützel, Hans von Volkmann, Emil Zimmermann, 1887 Carl Bantzer, 1888 Hermann Metz, 1889 Heinrich Giebel, dann in den 90er Jahren (eine ziemlich vollständige Übersicht gibt Otto Berlit in der „Hessenkunst“ 1920) Richard Sohn, Eduard Kämpfer, Theodor Rocholl, Carl Gehrts, Robert Sterl, Hans Fehrenberg, und 1897, also 10 Jahre nach Bantzer Wilhelm Thielmann, der als erster mit seiner Familie dauernden Wohnsitz in Willingshausen nahm. Es ist nicht möglich, auch die Späteren bis zu Kätelhön und Paul Baum noch aufzuzählen.

Ölbild „Blick aus dem Atelier“ von Wilhelm Thielmann entstanden 1922

Willingshausen  –  das älteste deutsche Malerdorf

Man sieht, Willingshausen ist, da Dachau und Worpswede erst später aufkommen, die älteste deutsche Malerkolonie oder, richtiger gesagt, das älteste deutsche Malerdorf.
Es ist selbstverständlich, dass sich in der Nachkriegszeit auch hier, wie auf unzähligen anderen Gebieten, eine abwärts neigende Kurve zeigt. Aber der Faden der künstlerischen Tradition ist in Willingshausen nie ganz abgebrochen, wie den Bantzer, Metz, Giebel auch heute noch wie seit fast 40 und mehr Jahren alljährlich nach Willingshausen zurückkehren. Wenn jetzt irgend ein Anonymus von Zeit zu Zeit in der Tagespresse den Unkenruf vom Ende der Willingshäuser Künstlerkolonie ausstößt, so möchte man diesen unbekannten Pessimisten doch einmal fragen, ob er denn nicht weiß, dass auch in den letzten Jahren immer wieder neue Künstler das malerische Dorf im Antrefftal zu Studienzwecken aufsuchten.

Wie im Vorjahr, so fanden sich auch in diesem Jahr Künstler aus Düsseldorf, Dresden, Plauen und Frankfurt in Willingshausen ein, um hier aus dem unversiegbaren Schönheitsquell zu schöpfen. Und Konrad Haumann, der in der vom Verlag Hackebeil-Berlin herausgegebenen „Kasseler Hausfrau“ vom 11. Oktober 1928 schreibt: „Das berühmte Malerstübchen im Gasthaus ist in das Schwertzelsche Schloß als Museum übernommen worden,“ möchte ich sagen, dass das Malerstübchen niemals im Willingshäuser Schloß war und dass wir besagtes Malerstübchen am 6. Oktober dieses Jahres feierlich neu weihten und dabei gleichzeitig seinen 75. Geburtstag begingen.

Denn schon zu Meister Ludwig Knaus Zeit hat die Haasesche Gastwirtschaft und in ihr das Malerheim bestanden, in dem die Maler ihre Zusammenkünfte hatten. Die alte Haasesche Wirtschaft lag an der Stelle der jetzt von einem von einem Kriegsinvaliden benutzten großen Scheune und war durch ein kleines Vorgärtchen mit Weinlaube von der Straße getrennt. Als sie 1900 abgebrochen wurde, siedelte auch das Malerstübchen mit deiner historischen, bemalten Tür in den Haaseschen Neubau über. Aber als dann Haase 1915 seine Gastwirtschaft aufgab, hört auch das Malerstübchen auf, Zusammenkunftsort der Maler zu sein; es blieb lediglich eine Sehenswürdigkeit, auch noch, als ihm 1915 nach Haases Wegzug Baron von Schwertzell, der das Haus für seine Renterei erwarb, Gastrecht gewährte.

Ein Kasseler Kunstfreund hatte die alten Möbel des Stübchens von Haase erworben und dem Malerheim geschenkt, auch waren die Bilder durch Original und Drucke nach Willingshäuser Gemälden erheblich vermehrt worden. Wenn nun auch das Stübchen nach Anmeldung bei dem das Haus bewohnenden Rentmeister jederzeit von Fremden besichtigt werden konnte, so fehlte doch ein gemeinsamer Treffpunkt für die Maler selbst.

Da fügte es sich, dass Gastwirt Völker sich entschloß, seinem Gasthaus einen Neubau mit Saal und Fremdenzimmern anzugliedern und seine über der Gaststube gelegene gute Stube im ersten Stock für das Malerheim einzuräumen. Alsbald wurden, wiederum auf Kosten des Kasseler Bankherrn, in dem äußerst behaglichen, an das ursprüngliche Malerstübchen erinnernden Raum mit Wandtäfelung und Wandanstrich begonnen, die alten Möbel und Bilder kamen herüber, und nun, wo das Malerheim aus seinem Dornröschenschlaf erwacht ist, haben auch die Maler wieder ihre trauliche Gaststätte, in der sie nach des Tages Arbeit bei frischem Trunk zusammensitzen können. Da zudem nicht nur bei Völker, sondern auch im alten Hückerschen Maler- und Fremdenheim und bei Professor Thielmann genügend Fremdenzimmer und auch Ateliers zur Verfügung stehen, wird Willingshausen mit seiner ungewöhnlich schönen landschaftlichen Umgebung bald wieder seine alte Anziehungskraft ausüben.

Wer heute das Malerstübchen betritt, wird von dem anheimelnden und stimmungsvollen Raum sichtlich überrascht sein. Da steht wieder der altertümliche Bücherschrank, neben dem Sofa der alte Backenstuhl, die alte Lampe hängt von der Decke, an den Wänden hängen die Wandschränkchen, das Pfeiffenbrett, stehen die Brautstühle, auf dem Kammbrett die alten Tonkrüge, Leuchterfiguren, Laternen, das eiserne Stangenlicht, und durch die sauberen Vorhänge wirft die Herbstsonne ihren goldenen Schein auf all den traulichen Hausrat. Freilich, die alten, an Wand und Balken gemalten Sprüche:
Ewig währt am längsten,
und – wie im Düsseldorfer Malkasten -:
Erst mach Dein Sach,
Dann drink und lach,
weiter der stolze Hahn mit der Unterschrift:
Viel besser krähet jeder Hahn,
Wenn er die Kehle feuchtet an,
harren der Auferstehung, und das prächtige Himmelbett, dass einst Meister Lins in froher Künstlerlaune an die Wand malte, wird mit seinem echten Vorhang und der echten Bettstelle, auf deren Rand ein mächtiger Kater aus blanken Sofanägel-Augen feurige Blicke sprühte, nur noch in der Erinnerung weiter leben.

Was aber neben den Gemütswerten auch für die Fernerstehenden dieses Malerstübchen so überaus wertvoll und zu einer einzigartigen Sehenswürdigkeit macht, das ist die einen historischen Rückblick auf die Entwicklung des Willingshäuser Malerdorfes ermöglichende Fülle von Bildern, die alle vier Wände und auch den Treppenvorraum bedecken. Da hängen Gemälde von Bantzer, Lins, Thielmann, Bohlender, Zimmermann, Kämpfer, Metz, zahlreiche Radierungen von Thielmann, Steindrucke nach Gemälden von Bantzer, von Volkmann, Kätelhön, Giebel und viele Photos von den bekannten Bildern von Knaus und anderen.

Aufnahmen vom alten Malerstübchen, vom alten Malerhaus, Gruppen von Malern aus den letzten Jahrzehnten und vieles andere noch, nicht zu vergessen die nun schon historisch gewordene, auch in das neue Heim mit übernommene Zimmertür, auf der sich all die Maler im Lauf der Zeit verewigt haben, Professor Paul Thumann-Berlin, Heinr. Hoffmann-Heidelberg, Hans v. Volkmann-Karlsruhe, der früh verstorbene Hans Fehrenberg, Professor Otto Strützel-München, Adolf Lins-Düsseldorf, Professor Paul Weber-Darmstadt, Professor Kretschmer-Berlin, Professor Erwin Raupp-München, Professor Hugo Mühlig-Düsseldorf, Emil Zimmermann-Düsseldorf, Heinrich Giebel-Marburg und ganz neuerdings Franz Hochheim-Dresden.

Vor nur wenigen Tagen, am 6. Oktober, haben wir das Malerstübchen im neuen Heim geweiht. Etwa ein Dutzend festlich gestimmte Menschen saßen um den weiß gedeckten Tisch, auf dem ein farbenprächtiger, von Damenhand gewundener Herbstblumenstrauß prangte. Neben Meister Carl Bantzer, der seit über vier Jahrzehnten den Mittelpunkt der Malergemeinde bildet, und seinen Malerfreunden Heinrich Giebel und Hermann Metz war auch die junge Malergeneration vertreten. Unter den Gästen befanden sich u.a. Frau Prof. Thielmann, die beiden Töchter des verstorbenen Oberförsters Hücker, der den Willingshäuser Malern so nahe gestanden hatte, Baron von Schwertzell-Willingshausen, Bürgermeister Faust, der als junger Bursch auf Bantzers berühmtem „Schwälmer Tanz“ verewigt wurde, und Förster Strehl vom nahen, mit dem Willingshäuser Malerleben so eng verknüpften Forsthof.

Professor Dr. Bantzer, der 71jährige, frisch und aufrecht wie immer, begrüßte die Erschienen und schilderte sodann rückblickend die Entwicklung des Malerdorfes und besonders auch des Malerheims, das sich jetzt, nach 75jährigem Bestand, als ein wahres Kabinettstück von behaglicher Raumkunst darbiete. Er wies darauf hin, wie zunächst die farbenprächtige, eigenartige Tracht der Schwälmer die Maler seinerzeit angezogen habe, dass aber auch dann, wenn diese Tracht nicht wäre, die ganz wunderbare Willingshäuser Landschaft eine starke Anziehungskraft auf die Maler ausübe. Sei sie doch geradezu vorbildlich dafür geworden, wie man verkoppeln könne, ohne das Landschaftsbild zu zerstören (Das hatten auch im Vorjahr auf dem Deutschen Naturschutztag in Kassel die Eberthschen Aufnahmen so augenscheinlich dargetan.)
Humorvoll wusste er davon zu erzählen, wie sie vor vierzig Jahren bei einer feuchtfröhlichen Sitzung im Haasestübchen plötzlich den Entschluß gefasst hätten, dieses nach eigenem Geschmack auszugestalten, wie noch in derselben Nacht die Tapete von den Wänden gerissen wurde und man am frühen Morgen mit frischen Kräften mit Pinsel und Farbe ans Werk gegangen sei. Mit beredten Worten wies er im einzelnen auf die Schönheit der Willingshäuser Landschaft, ihrer Wälder, Waldwiesen und Bachtäler hin und ließ seine Wort ausklingen in den Wunsch, dass auch der neuen Künstlergeneration Willingshausen das werden möge, was es den Alten gewesen.

Baron von Schwertzell konnte hierauf aus dem reichen Schatz seiner Willingshäuser Erinnerungen höchst fesselnde Einzelheiten mitteilen. Zum Schluß gab er seiner Freude darüber Ausdruck, daß der alte Malergeist noch so lebensfrisch hier walte und widmete ihm seine allerbesten Wünsche für ein weiteres Blühen und Gedeihen. Auch Kunstmaler Heinrich Giebel-Marburg gedachte wehmütig derer, die nicht mehr unter uns leben, und erinnerte noch einmal besonders an die hohen Verdienste, die der alte Oberförster Hücker um die Erhaltung der landschaftlichen Werte gehabt habe; er sei es gewesen, der, im Einverständnis mit Baron von Schwertzell, bei den Kulturbeamten die Berücksichtigung der besonderen Wünsche der Maler erreicht habe.

Es waren Stunden ungetrübter Freude bis spät in die Nacht hinein, wenn auch hin und wieder ein wehmütiger Ton mitklang, denn von den Wänden herab grüßten stumm die Bildnisse der Getreuen, die längst in die kühle Erde gebettet wurden, eines Heinrich Otto, Wilhelm Thielmann, Hans v. Volkmann, Adolf Lins und noch so manches andern . . .

Sonntagmorgen in der Schwalm! Von meinem Fenster aus schweift der Blick über die sonnenbestrahlte Herbstlandschaft hinüber bis zur hochragenden Banzerbuche und jenseits bis zu den greifbar nahen Wellenlinien des Knülle. Sonntägliche Stille auch auf dem Friedhof. Hier, zwischen dem lieblichen Tal der Antreff und jenem stattlichen Haus, in das er nicht mehr einziehen sollte, ruht seit vier Jahren Wilhelm Thielmann, der Unvergessene, den ewigen Schlaf.

Wilhelm Thielmann Ausgang aus der Kirche

Glockenschlag verkündet das Ende des Abendmahlgottesdienstes. Da treten auch schon aus dem Portal des vierhundertjährigen Kirchleins die hochgewachsenen Gestalten der Männer im breit ausladenden Dreimaster, in Kniehosen, Schnallenschuhen um im langen, vielknöpfigen Rock, und vor ihnen bedächtig und behäbig die Frauen in der feierlichen Abendmahlshaube, die uns allen aus Bantzers Bild vertraut ist.
Am Nachmittag wanderten wir den alten Malerweg zur Arnsheimer Höhe, tranken bei Seng den köstlichen Apfelwein und sahen beim nächtlichen Heimgang im Antrefftal das eindrucksvolle Bild eines um das Feuer gescharten Zigeunerlagers.

Am nächsten Morgen besuchten wir noch die kunstreiche Marthlies Dörr in ihrem weinlaubumrankten Häuschen, die seit 1891 im Haaseschen Haus für das leibliche Wohl der Maler gesorgt und die bis heute herzliche Freundschaft mit vielen der Malersleute verbindet. Auch ihr Stübchen ist eine wahre Galerie Willingshäuser Kunst, haben doch selbst die bedeutendsten Künstler Willingshausens ihr eine Kunstgabe dankbarer Erinnerung gewidmet. Heinrich Giebel hat sie unlängst gemalt, wie sie am Blumenfenster über ihre kunstreiche Arbeit gebückt sitzt. Was übrigens bäuerliche Kunst zu leisten vermag, sahen wir dann in Frau Professor Thielmanns Werkstätte für hessische Bauernstickerei, deren prächtige Erzeugnisse sich bekanntlich großer Beliebtheit erfreuen.

Am Nachmittag wanderte ich die unvergleichlich schöne Straße durch den Wald, die seit Ludwig Knaus so mancher Malersmann gewandert, nach Neustadt hinab, von wo mich die Bahn wieder heimwärts führte. Mit mir nahm ich die Gewissheit, an kunstgeschichtlich geweihter Stätte unvergessliche Tage verlebt zu haben.