Karl Bantzers Stellung zur sog. Heimatkunst

von Paul Heidelbach

Art Willingshausen soll Beiträge liefern, sowohl zur historischen Malerkolonie als auch zum heutigen Geschehen. Dabei ist zu konstatieren, dass seit vielen Jahren keine neuen Forschungsergebnisse von Seiten der Kunsthistoriker zu Willingshausen erschienen sind. Eine rühmliche Ausnahme markiert(e) allerdings die große Ausstellung über Ludwig Knaus in Wiesbaden in 2020 mit dem dazu erschienenen umfangreichen Katalog. Ein in Art Willingshausen verfolger Ansatz lautet Vergegenwärtigung. Der Blick zurück kann ergiebig sein. Zu vielen Malern sind biografische Werke publiziert worden. Und es gab zeitgenössische Diskussionen um Stellenwert der Werke von Willingshäuser Malern im Verhältnis zu modernen Kunststilen und Auffassungen wie Impressionismus und Expressionismus. Hier spielt Carl Bantzer eine Rolle, dazu Paul Heidelbach als zeitgenössischer Kenner. Dies wird anschaulicht in dem nachstehenden Beitrag, erschienen in der Zeitschrift „Hessenland“ 36 im Jahr 1922. Er wurde ergänzt mit Zwischenüberschriften und Illustrationen.

Die in meinem Aufsatz „Die Zukunft der Kasseler Akademie“ („Hessenland“ 1921, Heft 7) ausgesprochene Befürchtung, daß die unter Nichtachtung der Vorschläge des Direktors und des Kurators sowie der Wünsche der Studierenden der Kasseler Akademie von Berlin aus aufgezwungene Berufung eines der herrschenden Moderichtung unterworfenen Graphikers die bisher eingeschlagene Entwicklung der Akademie in empfindlicher Weise unterbrechen würde, hat sich vollauf bestätigt. Im letzten Jahre haben sich — worüber vielleicht noch einmal zu sprechen ist — nachweisbar Bestrebungen an der Akademie geltend gemacht, die darauf hinzielten, die, sagen wir kurz, hessische Kunst zugunsten der expressionistischen zu verdrängen.

In welchem Sinne hierbei die neue gegen die alte Richtung ausgespielt wurde, ließen die von Dr. Luthmer im Kasseler Tageblatt vom 26. Juni 1922 veröffentlichten „Betrachtungen zur Kunstausstellung. I.“ erkennen, die denn auch durch andere Kasseler Kunstkritiker, namentlich durch einen Aufsatz Will Schellers „Hetze gegen die hessische Kunst“ („Hessen“ 1922, Nr. 40) eine scharfe Entgegnung fanden. Auch die Wandlung an der Akademie selbst mußte auffallen. War bei den letzten Ausstellungen der Schülerarbeiten recht wohl zu bemerken, daß sich unter dem Einfluß des hessischen Landes eine besondere Kunst in Kassel entwickelte, so zeigte schon die letzte Osterausstellung unter der Einwirkung expressionistischer Lehrer die auffallende Wandlung, daß die Akademie im Begriff war, eine ganz konventionelle Expressionisten-Züchtungsanstalt zu werden, wie sie anderswo überall so gut sein konnte wie in Kassel.

Ludwig Knaus Tanz unter dem Lindenbaum, 1881 Öl auf Leinwand, Milwaukee Art Museum

Damit war also die Absicht, die damals Minister Schmidt zur Berufung Karl Bantzers nach Kassel bestimmte, vollständig vereitelt. Selbstverständlich kann auch an der Kasseler Akademie Expressionismus getrieben werden, denn auch er kann, wenn der hessische Boden seine Einwirkung zeigt, eine gesunde Entwicklung nehmen. Davon war aber nichts zu verspüren. Selbstverständlich ist es auch ein gutes Recht Dr. Luthmers, für die von ihm vertretene Kunstrichtung nach Kräften einzutreten. Aber kann man einer neuen Richtung nur dadurch dienen, daß man die frühere verächtlich macht? Wenn Dr. Luthmer („Betrachtungen zur Kunstausstellung. IV.“ Kass. Tageblatt vom 24. Juli 1922) in seiner Entgegnung auf Will Schellers Aufsätze hervorhebt, auch ich habe in meinem Artikel über die Zukunft der Akademie „den neuen Modegötzen jede Berechtigung, an der Kasseler Akademie zu arbeiten, abgesprochen“, so weiß ich nicht, wo er das gelesen hat.

Nachdem ich im Hinblick auf Dülbergs Berufung gesagt, gerade die Kasseler Akademie solle ihre Aufgabe darin sehen, enge Fühlung mit dem Lande und seiner Eigenart zu suchen, nicht aber den jeweiligen Modegötzen zu proklamieren und rein abstrakten Theorien nach zugehen, die allenfalls in Akademien wirklicher Großstädte, zu denen Kassel nicht gehört, angebracht seien, hatte ich doch wörtlich geschrieben: „Selbstverständlich mag auch der jeweils neusten Moderichtung ihr Platzrecht an der Akademie gegönnt sein, eine Kunstschule wie die Kasseler sollte aber davor bewahrt bleiben, diese ausschließlich zum ausschlaggebenden Faktor zu erheben.“

Eintreten für Vertreter des Expressionismus

Damit wird doch nicht „den neuen Modegötzen jede Berechtigung, an der Kasseler Akademie zu arbeiten, abgesprochen“. Doch das nur nebenbei. Was an den erwähnten Aufsätzen Dr. Luthmers ganz besonders auffällt, ist die Unterschätzung früherer Kunstschöpfungen. Sein durchaus verständliches und von seinem Standpunkt aus durchaus berechtigtes Eintreten für die Vertreter des Expressionismus läßt aber bei ihm, wie es scheint, keine anderen Götter mehr aufkommen. Die geringschätzige Art, wie er dabei die Vertreter der sog. Heimatkunst, namentlich Bantzer und Thielmann, einschätzt, darf aber doch nicht unbeantwortet bleiben.

Allzu oft schon hatte ich aus Bantzers und Thielmanns Munde gehört, daß sie gar nicht daran denken, bewußt Heimatkunst zu treiben und daß sie für ihr Schaffen diesen engbegrenzten und irreführenden Begriff durchaus ablehnen. Eben jetzt, als unser Akademiedirektor auf einige Tage von Willingshausen nach Kassel herübergekommen war, hatte ich wieder einmal Gelegenheit, mich gerade über die sog. Heimatkunst eingehend mit ihm zu unterhalten, und da ich es angesichts der schiefen Luthmerschen Bewertung bodenständigen Schaffens für angebracht hielt, ihr einmal Bantzers Stellung hierzu gegenüberzustellen, bat ich ihn um die Erlaubnis, die wesentlichen Punkte unserer Unterredung veröffentlichen zu dürfen. Ich tue das hiermit, indem ich, vom Dialogschema absehend, Bantzers Ansichten, so wie er sie mir im Laufe der Unterhaltung äußerte, möglichst zusammenfassend darlege, und gebe ihm hier das Wort.

Positionierung von Carl Bantzer – wiedergegeben von Paul Heidelbach

„Unter Heimatkunst versteht man im allgemeinen die Kunst, die sich mit Land und Leuten der Heimat befaßt. Heimatkunst ist zu allen Zeiten getrieben worden, aber ohne mit diesem Schlagwort ab gestempelt zu sein. Dem Hamburger Kunsthistoriker Alfred Lichtwark war es vorbehalten, dieses Schlag wort zu prägen und überall von den Künstlern Pflege der Heimatkunst zu verlangen. Bezeichnend für seine Auffassung von Heimatkunst sind seine Äußerungen, die er bei einer Unterredung tat, die ich etwa im Jahre 1895 in Dresden mit ihm hatte. Er machte uns Dresdner Malern zum Vorwurf, daß wir im Tal von Goppeln (nahe bei Dresden) malten, das sei nicht charakteristisch für Sachsen, er sei am Nachmittag auf der Elbe von Dresden nach Pillnitz gefahren, da sei die sächsische Landschaft, die wir malen müßten.

Dabei bedachte er nicht, daß kaum einer der Künstler, die im Goppelner Tal malten, Sachse war, und daß wir nicht im entferntesten daran dachten, das zu malen, was für Sachsen charakteristisch ist, sondern daß jeder Künstler nur das geben kann, was für ihn selbst charakteristisch ist, daß er nur sich selbst malen kann. Zwei Jahre später beklagte Cornelius Gurlitt gelegentlich einer Zeitungsbesprechung der internationalen Kunstausstellung in Dresden, daß in der Dresdner Abteilung gar nichts Sächsisches zu finden sei, die Dresdner Maler müßten die Elbe zwischen Dresden und Meißen malen. Die armen Dresdner Maler! Was sollte aus der Kunst werden, wenn sie dem gebieterischen Verlangen solcher Herren folgen wollte.

Carl Bantzer Studie zum Frühlingsspaziergang. Neue Galerie Kassel

Besitzt der Künstler die Wesens-eigentümlichkeiten eines deutschen Stammes, so werden diese auch in seinen Werken zum Ausdruck kommen, und haben diese Werke gegenständliche Beziehung zum Lande des betreffenden Stammes, so entsteht eine Kunst, die man wohl Heimatkunst nennen mag. Einen Maßstab für den künstlerischen Wert wird wohl niemand lediglich in der Beziehung solcher Werke zur Heimat erblicken wollen. Jetzt ist Heimatkunst verpönt, jetzt wird das Kosmische verlangt. Das ist natürlich kein Zufall, sondern in einem Wechsel der Weltanschauung weiter Volksschichten begründet.

Wenn trotzdem noch Werke entstehen, die die Heimat schildern, ohne sie ihrer Eigenart zu entkleiden, ohne sie ins Kosmische im Geist der Zeit erheben zu wollen, und wenn diese Werke nicht nur von den Landsleuten verstanden werden, sondern, wie die Kasseler Kunstausstellung zeigt, auch von Angehörigen anderer deutscher Stämme und auch von Ausländern geliebt und ge kauft werden, so beweist dies doch, daß eine große Anzahl von Menschen von der Sehnsucht nach dem Kosmischen im Geiste der Gegenwart nicht erfaßt ist, und daß die enge innere Beziehung eines Werkes zur Heimat ihm eine Überzeugungskraft gibt, die es allen Menschen nahe bringt, daß auch ihm etwas allgemein Menschliches, nicht an Ort und Zeit Gebundenes, also etwas Kosmisches innewohnt.

Mißbrauch der Liebe zur Heimat aus geschäftlichen Zwecken

Die Liebe zur Heimat, die bei uns Hessen ganz besonders stark entwickelt ist, wird leider viel zu geschäftlichen Zwecken mißbraucht. Siedelungsgesellschaft „Hessenheimat“, Cafe „Hessenland“ mögen noch hingehen, aber auch Nahrungsmittel und kosmetische Artikel bekommen ihre Namen mit dem Beiwort Hessen. Selbstverständlich werden von Verlegern Vervielfältigungen nach heimatlichen Kunst werken mit der Bezeichnung Heimatkunst oder Hessenkunst angepriesen, und das Recht, sie so zu benennen, wird ihnen niemand bestreiten wollen, ebenso wenig wie man es den Hessen verdenken kann, wenn sie „aus“ nach Luthmer „falsch verstandener Heimatliebe“ solche Werke kaufen, die vielleicht häufig mit Kunst wenig zu tun haben, aber das Land und die Menschen, die sie lieben, getreulich darstellen.

Oft sind solche Heimatbilder so schlecht als Kunstwerke, daß sie einem die Freude an den Erscheinungen der Heimat fast verleiden können. Aber die Liebe zum rein Gegenständlichen ist eben leider bei der Mehrzahl der Menschen ausschlaggebend bei der Kunstbetrachtung. Bei Kunstausstellungen kann dieser Umstand selbstverständlich keine Berücksichtigung finden, da gilt nur der Kunstwert. Der wird aber sehr verschieden bemessen, und ein Streit über ihn würde zu keinem Ergebnis führen. Trotz dem Anklang, den Bilder der Heimat leicht bei einem großen Teil der Öffentlichkeit finden, ganz gleich, ob sie gut oder schlecht als Kunstwerke sind, glaube ich doch nicht, daß ohne Auftrag irgend ein solches Bild aus Berechnung auf die Heimatliebe der Landsleute entsteht.

Auch bei den künstlerisch minderwertigen hatte ich das Gefühl, daß sie aus reiner Freude am Gegenständlichen gemalt sind, und ich halte dies für die Ursache, daß sie imstande sind, wieder Freude zu erwecken bei solchen, die nur Wert auf das Gegenständliche legen. Anders liegt die Sache bei Aufträgen. Der Erfolg von Werken der Heimatkunst veranlaßt Kunsthändler und Verleger zum Teil aus rein idealen, zum Teil auch aus geschäftlichen Gründen für die Verbreitung der Heimatkunst zu wirken. Da entstehen dann im Aufträge auch Werke, denen man das Geschäftliche ansieht und die oft die wahre Liebe zum Gegenstand vermissen lassen.

Verleger täten deshalb am besten, nur solche Werke zu verbreiten, die aus eigenem Antrieb, entstanden sind, dann dienten sie der Heimatliebe und der Heimatkunst am besten. Die Liebe zur Heimat durch Wort und Bild zu Pflegen, hat sich auch die Elwertsche Verlagsbuchhandlung in Marburg zur Aufgabe gemacht. Sie hoffte auch, durch Veranstaltung von Wettbewerben für Heimatkunst an der Kasseler Kunstakademie den jungen Künstlern Anregung zu geben, sich näher mit Land und Leuten unseres Hessenlandes zu beschäftigen, aber der Versuch hat kein besonderes Ergebnis gezeitigt. Kein Schüler hat sich durch die ausgesetzten Geldpreise verlocken lassen, für diesen Wettbewerb eine besondere Arbeit zu machen. Wer gerade Arbeiten für sich gemacht hatte, von denen er annahm, daß sie den Forderungen des Wettbewerbs entsprächen, reichte sie ein. Viel kam aber nie zusammen.

Hierin zeigt sich einmal ein sehr erfreulicher Idealismus der Jugend, dann aber auch, daß Heimatkunst sich nicht züchten läßt, sondern, daß sie Gefühlssache ist. Dazu kommt noch, daß der geringste Teil der Schüler aus Hessen selbst stammt, die meisten kommen aus Westfalen, Hannover und dem Rheinland. Da ist es natürlich nicht zu erwarten, daß bereits nach ein- oder zweijährigem Aufenthalt in Kassel sich schon ein Heimatgefühl für Hessen entwickelt habe. Es hat ja nicht immer ein Mensch seine geistige Heimat da, wo er gerade geboren ist. Wieviel Bei spiele zeigen, daß jemand mit Leib und Seele in einem ganz anderen Teile des großen Vaterlandes oder auch des Auslandes heimisch wurde als da, wo gerade seine Wiege stand.

Wieviel nichthessische Künstler hat es zur künstlerischen Tätigkeit immer wieder nach Hessen gezogen, wie viele fanden hier das, was ihrem Wesen entsprach. Aus allen deutschen Kunststädten und auch aus dem Ausland kamen und kommen all jährlich viele Künstler nach dem Hessenland, um von hessischer Landschaft und hessischen Menschen Anregung für ihre Kunst zu holen. Willingshausen, von dem Livländer G. v. Reutern als deutscher Studienplatz gegründet, hat wohl die meisten deutschen Künstler angezogen, daneben wurde auch die Gegend von Marburg (Eduard Meyerheim und sein Sohn Franz) schon in den 40er Jahren des vorigen Jahrhunderts viel aufgesucht, ebenso der Reinhardswald und die Rhön, wo auch Arnold Böcklin von Weimar aus einmal weilte.

Diskussion um Ausrichtung der Kunstakademie in Kassel

Hessen als Studienplatz deutscher Künstler würde ein dankbarer Stoff für einen Forscher sein. Merkwürdig war es unter solchen Umständen, daß die Kasseler Kunstakademie selbst, von wenigen Ausnahmen (Stiegel, Bromeis) abgesehen, kaum eine Beziehung zum Lande gefunden hat, und es war verständlich, daß der frühere Kultusminister Dr. Schmidt, der seine Jugend in Kassel verbracht hatte und mit großer Liebe an Hessen hing, den Wunsch hatte, als vor vier Jahren nach dem Tode Hans Oldes ein neuer Leiter der Akademie gesucht werden mußte, nun endlich auch die Kasseler Kunstakademie zu einer Pflegestätte der Kunst zu machen, die in Hessen schon seit vielen Generationen heimisch war, aber an der Akademie keine Beachtung gefunden hatte.

Der Minister hoffte, durch meine Berufung zum Direktor, wie er sich ausdrückte, eine Brücke von der Akademie zum Volke schlagen zu können. Auch der damalige Oberpräsident v. Trott zu Solz wünschte, daß an der Kasseler Akademie eine bodenständige Kunst sich entwickeln möge und brachte dies bei meiner Einführung zum Ausdruck. Ich habe darauf erwidert, daß ich sehr erfreut sein würde, wenn dies gelingen sollte, ich würde aber das Gute überall, wo ich es fände, nehmen. An ein bestimmt umrissenes Programm konnte ich mich nicht binden, ich kannte noch nicht die Zusammensetzung der Schülerschaft und habe alles zunächst der freien Entwicklung überlassen.

Auch Kunsthistoriker waren der Ansicht, daß es meine Aufgabe sein müsse, in Kassel eine bodenständige mitteldeutsche, nicht etwa an die politischen Grenzen Hessens gebundene Kunst zu pflegen. In diesem Sinne beglückwünschte mich Geh. Rat v. Seidlitz, Generaldirektor der königl. Sammlungen in Dresden, zur Übernahme der Leitung der Kasseler Akademie und ebenso Geh. Rat Dr. Back, Direktor des hessischen Landesmuseums in Darmstadt. Selbstverständlich war es, daß die Mehrzahl der Kasselaner und Hessen überhaupt einer solchen Entwicklung der heimischen Akademie voll Hoffnung entgegensahen.

Kunst, kann auch gegenständliche Beziehung zum Lande haben

Es schien auch, als ob unter den Schülern selbst, obwohl sie zum größten Teil nicht aus Hessen stammten, die Erkenntnis erwacht sei, daß Kassel nur eine Bedeutung im deutschen Kunstleben ein nehmen könne, wenn seine besonderen Verhältnisse auch in seiner Kunst zum Ausdruck kämen. In einem Schreiben des vorigen Sommers an den Minister sagten sie, sie sähen die besondere Stellung Kassels in seinem Gegensatz zur eigentlichen Großstadt und in der engen Beziehung zum Land. An eine hessische Heimatkunst im engeren Sinne hat dabei wohl niemand gedacht, wohl aber an eine bodenständige Kunst, also eine Kunst, die wohl auch gegenständliche Beziehung zum Lande haben kann, aber nicht haben muß, eine Kunst, die aus dem Geiste des Landes, aus der Wesensart seiner Menschen und der Beschaffenheit des Landes herauswächst.

Dieser Geist des Landes hier ist ein durchaus gesunder, keine Übersättigung oder Überreizung der Empfindungen erweckt die Sehnsucht nach außergewöhnlichen oder unnatürlichen Genüssen. Bei aller Einfachheit und Schlichtheit des Empfindens sorgt die Landschaft mit ihren hohen Bergen und mächtigen Wäldern, mit den phantastischen alten Baumriesen und den sagenumwobenen Burgruinen dafür, daß überall Freude am Merkwürdigen und am Märchenhaften zu finden ist. So wird nicht nur das Alltägliche, sondern auch das Mystisch-Phantastische in der Kunst hier überall mit Freude aufgenommen werden, sofern es so gesunden Geist atmet wie Grimmsche Märchen.

Ob die Kunst ihre Ausdrucksmittel dem Impressionismus oder Expressionismus entnimmt, wird den Hessen ganz gleichgültig sein, vorausgesetzt, daß die expressionistischen Ausdrucksmittel nicht in einer vollkommenen Entstellung der Natur, die jetzt als die alleinige Vergeistigung der Erscheinung hingestellt wird, gesucht werden. Der Kurs, den Minister Schmidt unserer Akademie geben wollte, ist von seinen Nachfolgern geändert worden, und man muß abwarten, ob auch unter dem neuen Kurs sich eine Kunst in Kassel entwickeln wird, die einen Widerhall im Lande findet und die vom Lande getragen wird. Nur wenn dies der Fall ist, kann sie eine Eigenart und nur da mit eine Bedeutung für die deutsche Kunst bekommen.

Exkurs zur Entwicklung in Weimar

Weder Heimatkunst noch bodenständige Kunst lassen sich züchten, sie müssen frei wachsen, bedürfen aber wie alles, was wachsen und gedeihen soll, einer Pflege. Nie aber wird eine Pflanze in einem Boden, in den sie ihrer Natur nach nicht hinein gehört, gedeihen können. Vor etwa 60 Jahren hatte man Böcklin, den Schweizer, dessen Kunst ihre Wurzeln in Italien hatte, an die Weimarer Kunstschule berufen. Er hat es nicht lange dort ausgehalten, ebenso wenig wie alle die großen Künstler, Lembach, Begas, die Belgier Linnig und Struys und in letzter Zeit Eggers, Lieng, Ludw. v. Hofmann, Sascha Schneider usw. Für sie alle war Weimar kein Boden. Weimar war groß, als Lehrer wie Brendel und Hagen dort wirkten und die Schule in Beziehung zum Lande brachten und der Belgier Pauwels als hervorragender Exerziermeister die Schüler ein tüchtiges Handwerk lehrte. Nur damals gab es eine Weimarer Kunst, und die war hochgeschätzt überall.

Bis vor kurzem gab es auch noch eine Frankfurter Kunst, deren beste Vertreter den interessantesten Teil des Städelschen Museums bilden. Und wer wollte leugnen, daß es auch heute noch eine Berliner, eine Münchener, eine Wiener, eine Pariser Kunst gibt, die die Eigenart dieser Städte wiederspiegeln, ebenso wie es früher eine römische, eine florentiner, eine venetianische Kunst gab, die sich aufbaute auf dem Wesen dieser Städte oder Landes teile, also dort bodenständig war, dort ihre eigenste Heimat und in dieser lebendigen Beziehung zum Lande ihre Stärke hatte?

Ob man Kunst Hessenkunst oder sonstwie benennt, darauf kommt es nicht an

Kassel braucht eine ruhige Entwicklung, keinen beunruhigenden Zickzackkurs, um zu einer Kunst eigenen Gepräges zu kommen. Dazu gehört aber vor allen Dingen nicht ein Gegensatz, sondern Übereinstimmung mit dem Geist des Landes, die aber nicht durch sich bedeutend gebärdende Zeitungsartikel aufgezwungen werden kann. Sollte die Kasseler Akademie diesen Anschluß an das Land nicht finden, so bin ich überzeugt, daß es trotzdem auch fernerhin wie schon seit Generationen in Deutschland eine Kunst geben wird, die in Hessen ihre Wurzeln hat. Ob man diese Kunst Hessenkunst oder sonstwie benennt, darauf kommt es nicht an, sie entsteht wie alle Kunst aus innerem Trieb heraus und nicht nach einem Programm, keiner anderen Sache als sich selbst zu liebe.“

Das Schaffen eines Karl Bantzer und Wilhelm Thielmann nicht im geringsten verstanden

Ölbild „Blick aus dem Atelier“ von Wilhelm Thielmann entstanden 1922

Ich habe Meister Bantzers schlichten und klar verständlichen Worten nichts hinzuzufügen, Luthmer mag ein vorzüglicher Interpret der im Gewand der Zeit sich darbietenden neuesten Kunst sein; wenn er jedoch in seinen „Betrachtungen“ geringschätzig sagt, daß „abgesehen vom zufälligen Motiv der Schwälmer Bauern oder eines hessischen Waldtales, die Malform und Empfindungsäußerung eines T h i e l m a n n oder nach Ausweis der aus gestellten Arbeiten selbst Bantzers, d. h. landläufige impressionistische Sehform und ateliermäßig ausgeschliffenes Sentiment unmittelbar mit dem bäuerlichen Heimatboden nichts zu tun habe“, und wenn er weiter verächtlich von der Heimatkunst „irgendwelcher Feld-, Wald- und Wiesenbildchen“ spricht, so beweist er damit, daß er das Schaffen eines Karl Bantzer und Wilhelm Thielmann wirklich nicht im geringsten verstanden hat. Beiden aber wird die hohe Wertschätzung, die sie weit über Deutschland hinaus genießen, die tröstliche Gewißheit geben, daß sie auf die Anerkennung durch vr. Luthmer nicht zu warten brauchen.

Dieser Artikel von Paul Heidelbach ist erschienen in der Zeitschrift Hessenland, Nr. 36 – 1922

(1) Bericht in das Marburger.: https://www.das-marburger.de/2020/10/ludwig-knaus-im-landesmuseum-wiesbaden-homecoming-des-genremalers/