Carl Bantzer dem Siebzigjährigen

von Paul Heidelbach

Wenn wir bereits in dieser, meist Marburg gewidmeten Nummer des größten hessischen Malers, Carl Bantzers, gedenken, der am 11.August seinen 70. Geburtstag begeht, so ist das nicht ohne Grund. In Marburg hat Geheimrat Professor Dr. Carl Bantzer seine glückliche Jugend verlebt, und in Marburg, dessen Hochschule ihn zum Ehrendoktor ernannte, hat er nun seinen Ruhesitz genommen.

„Ruhesitz“ freilich ist für jeden, der Bantzer in den letzen Wochen und Tagen sah, ein nicht wörtlich zu nehmender Begriff. Denn der schaffensfrohe, hochaufgerichtete rüstige Altmeister deutscher Kunst denkt nicht daran, der Ruhe zu pflegen. Denn jetzt schickt er sich in Willingshausen an, jenes große, für das Marburger Rathaus bestimmte Gemälde der „Vier Lebensalter“ zu schaffen.

Carl Ludwig Noah Bantzer — den alttesttamentarischen Vornamen verdankt er seinem Paten, demMarburger Universitätsbuchhändler Noah (Gottfried Elwert — vurde als Sohn eines Kreistierarztes 1857, also im selben Jahr wie Max Klinger, in Ziegenhain geboren, schon hier, im Herzen der Schwalm, empfing der Knabe jene starken Eindrücke, die dann sein Schaffen bestimmend beeinflussen sollten. Nach des Vaters Tode verzog der Sechsjährige mit seiner Mutter, einer feinsinnigen Pfarrerstochter, nach Marburg, und hier hat der junge Gymnasiast, dessen lustige Karikaturen seiner Lehrer und Mitschüler schon damals auffielen, sich die schöne Umgebung mit offenen Augen immer wieder erwandert.

Mit achzehn Jahren bezog er die Berliner Kunstakademie, wo ihm besonders Karl Gussow viel zu geben wußte. Dann zog ihn Ludwig Richter nach Dresden, an dessen Akademie er Schüler Pohles wurde. Aber die entscheidenden Einflüsse hat er doch in Paris empfangen, wo er den Freilicht-Impressionismus an der Quelle studierte. Auf der größten Münchener Ausstellung 1888 erregte dann durch die moderne Auffassung eines romantischen Stosses sein Bild „Wallfahrt am Grabe der hl. Elisabeth“ Aufsehen, das Wörmann sofort für die Dresdner Galerie ankaufte. Einen Wendepunkt seiner Entwicklung zeigt sein 1892 gleichfalls im Münchener Glaspalast ausgestelltes und für die Berliner Nationalgalerie angekauftes „Abendmahl in einer hessischen Dorfkirche“, das ihn mit einem Schlag an die Spitze der Dresdener Sezession stellte. In Dresden machte damals die Landschaftsschule von Goppeln viel von sich reden.

22 Jahre lang ist Bantzer dann Leiter der Malklasse an der Dresdener Akademie. Aber so sehr ihn auch die Landschaft des Elbtales reizte, die hessische Heimat zog ihn immer wieder in ihren Bann.
In all den Dresdener Professorenjahren verbrachte er die Sommerhalbjahre regelmäßig mit seinen Schülern in Willingshausen, das (Gerhardt von Reutern, der Schützling Goethes, schon vor mehr als hundert Jahren gleichsam künstlerisch entdeckt hatte, zu dem dann in den 30 er und 40 er Jahren des vorigen Jahrhunderts Frankfurter und Düsseldorfer Maler wallfahrten und in dem vor allem auch Ludwig Knaus, der 1848 von Düsseldorf herüberkam, zum Bauernmaler wurde.

Dann kamen Münchener und Berliner Maler, wie Paul Thumann und Kretzschmer, es kamen Adolf Lins, Heinrich Qtto, Hans von Volkmann, Zimmermann, Matthei, Giebel, Metz und viele andere. Mit keinem Namen aber war die Fortentwicklung der Kolonie so eng verbunden als mit dem Carl Bantzers, der die Schwalm früh seit 1884 besuchte und seit 1887, also jetzt seit 40 Jahren, alljährlich nach Willingshausen kommt.

Hier, in dem schönen Atelier, das er sich vor mehr als 35 Jahren für das „Abendmahl“ bauen ließ und das jetzt auf dem Hassseschen Besitztum steht, entstanden all die Bilder, die seinen Namen berühmt machten, vor allem der hessische Bauerntanz (Hamburg) mit seinem Rausch von Farben, seinem Überschuß an Lebensfreude und Lebenskraft, in dem er mit virtuoser Technik eines der schwierigsten malerischen Probleme löste, die hessische Bäuerin (Dresdener Galerie), das berühmte Bildnis des Johann Heinrich Falck (Hannover, Provinzialmuseum), der Hochzeitsschmaus (Breslauer Museum) Hessische Bauern vor der Kirche (Landesmuseum, Darmstadt), der wuchtige Erntearbeiter (Städtisches Museum, Kassel), den man als das beste Freilichtbild der Gegenwart bezeichnet hat, das köstliche Familienbild (Breslauer Museum), das Bildnis des Bauern Rupp (Städtisches Museum, Kassel), Sonntag in der Schwalm (Städtisches Museum, Kassel), Junge Mädchen (Frankfurt), Wanderer im Walde (München), Hessische Bauernbraut (Landesmuseum, Darmstadt) und Abendruhe (Zwickauer Museum).
Von seinen vielen Bildnissen sei noch dasjenige Hindenburgs genannt, das 1919 zur Zeit des Wilhelmshöher Hauptquartiers entstand und im Kasseler Rathaus hängt.

Im Jahre 1918 nämlich bewog ihn nach dem Tod der damalige Kultusminister Schmidt, das Direktorat der Kasseler Kunstakademie zu übernehmen in der ausgesprochenen Absicht, die seit langem verloren gegangene Verbindung der Akademie mit dem heimischen Boden herzustellen Bantzer willigte, trotzdem er eine glänzende Stellung aufgab, ein. Zunächst galt es einmal, wieder eine Anatomieklasse, eine Perspektivklasse, eine Landschaftsklasse zu schassen. Dann aber galt es vor allem wieder rege Fühlung mit dem Lande und seiner Eigenart zu suchen, eine künstlerische Formsprache zu schaffen, die aus dem Geist und der Beschaffenheit des Landes und aus dem Wesen seiner Bewohner herauswuchs.

Auch die Schüler, zum größten Teil Nichthessen, erkannten, daß eine mitteldeutsche, keineswegs an die politischen Grenzen Hessens gebundene Kunst Kassel wieder eine Bedeutung im deutschen Kunstleben geben könne. Gab es doch auch eine Münchener, eine Düsseldorfer, eine — man denke an den jetzt 80 jährigen Max Liebermann — Berliner Kunst. Aber es sollte anders kommen. Als Ende 1921 der von Bantzer an die Akademie berufene Neoimpressionist Paul Baum sein Amt niederlegte, um sich wieder der freien Kunstbetätigung zu widmen, wurden unter den Nachfolgern des Ministers dessen Richtlinien in ihr Gegenteil verwandelt; man suchte im Kampf gegen die bisherige Richtung die Akademie zu einer ausschliesslichen Expressionisten-Züchtungsanstalt zu machen. Bedauerlich war, das; die expressionistische Gruppe an der Akademie eine Förderung ihrer — inzwischen antiquierten — Bestrebungen darin sah, verächtlich von der Heimatkunst „irgendwelcher Feld-, Wald- und Wiesenbildchen“ zu reden, womit sie lediglich zum Ausdruck brachte, daß sie Bantzers Kunst nicht im entferntesten zu verstehen versuchte.

Carl Bantzer hat zu jeder Zeit für sein Klassen den irreführenden und begrenzten Begriff der Heimatkunst, die lediglich gegenständliche Beziehung zum Land hat, durchaus abgelehnt; er ist sich bewußt, daß jeder Künstler nur sich selbst malen kann. Etwas ganz anderes ist es, wenn einem in Beziehung zur Heimat gesetzten Werk solche Überzeugungskraft innewohnt, daß das allgemein Ästhetische darin — man denke nur an den „Schwälmer Tanz“ und das „Abendmahl“ Bantzers — nicht nur zu den Landsleuten des Künstlers, sondern zu allen Menschen spricht.

Bantzer war eine zu vornehme Natur, um gegen solche Argumente anzukämpfen. Er schied, wenn auch nicht ohne Bitterkeit. Und es ist zu verstehen, wenn er eine Beteiligung an der jetzigen Jubiläumsausstellung ablehnte; denn die aus öffentlichem Besitz dort ausgestellten Werke Bantzers gelangten ohne sein Wissen dorthin.

So bedauerlich sein Fortgang für viele war, er brachte doch den einen großen Gewinn, den Künstler, unbeschwert von Verwaltungsdienstpflichten, seinem freien Schaffen wieder zu geben. Und wie Professor Carl Bantzer in jenem Jahre 1922, in dem er seinen 65. Geburtstag beging, die Gewißheit wurde, daß ihm neben der Anerkennung in der gesamten Kunstwelt auch unzählige Hessenherzen in treuer Anhänglichkeit und Liebe schlugen, so wird er, der mit allen Fasern an seiner Heimat hängende Hesse, auch jetzt, wo er ungebeugt und jugendfrisch in das biblische Alter eintritt, erfahren, wie starke Verehrung ihm und seiner großen Kunst auch hier im Hessenland entgegengebracht wird. Auch heute noch gilt, was Wilhelm Ide ihm damals zurief:

An einer Schwelle stehst du jetzt, du kannst
In Ehren schauen auf ein reiches Leben,
Und ob du selbst an gold’nem Glück gewannst,
Du hast es tausendfältig uns gegeben.
Was wünsch‘ ich dir? Sieh her! Das eine nur:
Noch oft im eig’nen Herzen zu erleben
Das Glück, das du erlauscht auf Hessenflur,
Das Glück, das du dem Hessenvolk gegeben.
Das eine nur: Noch oft im jungen Mai
Mit hellen Augen durch die hellen Weiten
Wie deine Hessenleute aufrecht, frei
Zu uns’res Herrgotts Gabentisch zu schreiten.
Sieh her, die Hessenherzen schlagen stark,
Das bannt die lockenden, die falschen Geister,
Du bist wie wir vom gleichen Stamm und Mark,
Glückauf, du Hessenkind, du deutscher Meister!