Ein Brief aus der Schwalm

von Wilhelm Thielmann 

Verehrter Herr Redakteur!
Also Sie wollen etwas vom Malerheim Willingshausen von mir hören?
Ich bin noch ein junger Jünger der Kunst, denn es sind erst drei Jahre her, als ich zum ersten male eine Studienreise und zwar in die „Schwalm“ unternahm.

In dem nahegelegenen Neustadt, der nächsten Bahnstation von Willingshausen, wurde ich von einem Nichtschwälmer, dem Wirt vom Malerheim, Haase heisst der Mann, mit einem Wagen abgeholt. Ja wir treiben‘s nobel, wenn wir reisen, und ausserdem hatte ich ja auch Koh-i-noor und Wattmann bei mir, die mussten doch gefahren werden.

Nachdem wir den hübschen Neustädter Wald verlassen hatten, lag vor uns das reizende Malerdörfchen, von dem ich so viel gehört und dessen Anblick nicht nur durch seine malerische Lage mit seinem hübschen Park und Schloss erfreute, sondern auch den Eindruck tiefster Ehrfurcht in mir weckte bei dem Gedanken an all‘ die bekannten Künstler, die hier weltberühmte Werke geschaffen haben. Hier und da begegneten wir echten Schwälmern auf dem Felde. „En frischer Moler“ hörte ich sagen. Ich hatte nämlich einen aus der Mode gekommenen Schlapphut auf, den Verräter aus den Fliegenden Blättern, den mir später ein entrüsteter Windstoss entführte.

Nun das Malerheim selbst. So klein hatte ich mir‘s nicht vorgestellt, aber es ist darum und seiner netten Ausstattung wegen um so behaglicher. Die kleine berühmte Thür mit der gemalten Palette nach aussen und den Skizzen auf der Innenseite ist neben dem Album das Merkwürdigste des Stübchens. Auf der Thür hat sich eine Reihe von Malern verewigt. Obenan Paul Thumann mit einem Figürchen, Weber, Strützel, Zimmermann mit Landschaftlichem, Rau, Hoffmann und Lins mit Figürlichem. Auf der linken Wand ist ein Schwälmer Bett gemalt mit allen ortsüblichen Zuthaten. Oben drauf sitzt ein schwarzer Kater, dessen Augen beim Lampenlicht unheimlich leuchten. Sprüche zieren die Wände, und ist auch die Orthographie älter als die alte, der Sinn bleibt immer neu.

Das Album enthält die herrlichsten Handzeichnungen der Künstler aus einem Zeitraum von über fünfzig Jahren. Nummer eins ist ein von Ludwig Knaus gezeichneter Kopf, daran reihen sich Porträts und Karikaturen in der gelungensten Weise, auch gezeichnete Ansichtskarten mit meist eignen Ansichten. ANNCHEN- W. THIELMANN del. Was das eigentliche Leben überhaupt ausmacht, das sind die im Sommer alljährlich dort weilenden Maler.

Gewissermassen mit zum Inventar gehörend, muss ich noch den alten, lieben Oberförster, den dicken Hücker, nennen, der lobend und schimpfend unsere Geschicke leitet. Seit zwölf Jahren kommt regelmässig C. Bantzer-Dresden hierher, unser Noah, der Landschaftliches wie Figürliches gleich beherrscht und dessen einfache, schlichte und doch so markig kernige Wiedergabe des Schwälmer Volkscharakters das ganze Wesen dieses Künstlers kennzeichnet.

Wilhelm Thielmann Ausgang aus der Kirche

Die „Schwalm“ ist seine Heimat, in der er sich besonders wohl fühlt. Sein „Abendmahl“ und der „Schwälmer Tanz“ sind bereits in Ihrem Blatte erschienen. Ich habe seiner künstlerischen Anregung persönlich viel zu verdanken. Neues kann ich Ihnen von ihm wohl kaum erzählen, er ist Ihnen zur Genüge bekannt, wie wohl mancher andere der Willingshauser, z. B. der Landschafter Hans von Volkmann mit seinem feinen Naturstudium, Lins, der verstorbene C. Gehrts, Mühlig u. s. w.

Bei Gelegenheit des siebzigsten Geburtstages unseres allverehrten Meisters Ludwig Knaus, der den Ruhm des Malerheims begründete und ihn zu glanzvoller Höhe gebracht, haben wir es nicht unterlassen, dem ergrauten Künstler zu gratulieren und zwar in Form einer Adresse, die Hans von Volkmann und ich die Ehre haben durften zu zeichnen. Knaus war dankbar und freudig gerührt über diese Aufmerksamkeit, wie aus seinem liebenswürdigen und ehrenden Dankschreiben hervorgeht.

Das Wichtigste für uns sind die Bauern, die vorzügliche Modelle abgeben, und die schöne Natur. Da giebt‘s viel Gutes. Der Bauer bei der Arbeit und im Vergnügen (Kirmes) mit seiner interessanten, malerischen Tracht, die namentlich im Sonntagsstaat ihre volle Pracht entfaltet. Der Schwälmer zeigt einen rastlosen Eifer bei der Arbeit und bewahrt sich eine bewunderungswürdige Rüstigkeit bis ins hohe Alter.

Frauen und Mädchen, das Martlias, Annchen und Katche, alle sind sie kräftig, doch verlieren sie schon recht früh ihre jugendliche Schönheit, alte Weiber sind oft gespensterhaft hässlich. Im allgemeinen sind sie frohe Naturen, Männer und Frauen singen bei der Arbeit und in den Spinnstuben, den Landkasinos der Burschen und Mädchen, die in den Dorfgeschichten eine so wichtige Rolle spielen.

Entzückend ist das Treiben der Kleinen auf der Strasse, bei denen die eigenartige Tracht etwas lieblich Drolliges hat. Endlich ist das Landschaftliche, von dem man verhältnismässig wenig rühmen hört, ausserordentlich reizvoll, namentlich der Wald mit seinen so vielen stimmungsvollen Waldwiesen. Baron von Schwertzell und unser lieber Oberförster thun alles, um den Malern alte, prachtvolle Bäume und somit schöne Motive zu erhalten.

Ich glaube, ich habe Ihnen genug erzählt, und wenn Sie einmal Gelegenheit nehmen wollen, das gesellig schöne Zusammensein im Malerheim kennen zu lernen, so lädt Sie hier- mit herzlichst und höflichst ein
Ihr
Wilh. Thielmann

 

Quelle: Die Kunst für alle  Herausgegeben von Friedrich Pecht, Fünfzehnter Jahrgang 1899 – 1900, Heft 11, März 1900

Heidelberger historische Bestände – digital: https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kfa1899_1900/0267