Marthlies Dörr, der Schwälmer Stickerin und Malerfreundin zum Gedächtnis

Ein Lebensbild von Werner Frhr. von R e i tz e n st e i n
in: Hessenland 50. Jgg. 1939

„In voller Reinheit und unbewußt schaffte und gestaltete sie aus dem Born, der unser ganzes Volk tränkt. In ihr war noch alles lebendig, was uns alle zum künstlerischen Schaffen zwingt.“ (Hermann Kätelhön)

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  • Redaktioneller Hinweis: Der nachstehend veröffentlichte Beitrag über Marthlies Dörr von W. v. Reitzenstein vertritt und verkörpert geradezu die Blut- und-Boden-Ideologie, die mit dem Nazi-Regime 1933 bis 1945 verbreitet wurde. Mit diesem deutlichen Hinweis wird der Beitrag hier veröffentlicht. Trotz der fragwürdigen und überhöhenden ideologischen Verklärungen enthält der Beitrag wertvolle Informationen über Marthlies Dörr als ungewöhnliche Frau in Willingshausen. Ihr wurde qua Persönlichkeit, dem beruflichem Wirken als Stickmeisterin und ihrer Weltoffenheit hohes Ansehen von zahlreichen Malern zuteil.

Am Sonntag, den 22. Januar dieses Jahres, stand in der Totengasse zu Willingshausen vor der weinberankten Treppenlaube des Kalbfleisch‘schen Hauses ein schlichtes hellgelbes Särglein, in dem die sterblichen Reste einer Schwälmerin ruhten, deren Andenken für immer mit den Männern und Werken der Willingshäuser Malerschule verbunden bleiben wird.

Es war ein kalter, regnerischer Tag. Böse Krankheiten gingen allerwärts um. Und so hatten die Meister der Farbe, die dieser Tod am härtesten anging, die weiten Reisen gescheut und ihre Vertretungen entsandt. Es wäre sonst in dem großen Trauergefolge, das sich vor dem kleinen Fachwerkhaus versammelte, manch berühmter Mann unter den Trachtenbauern erschienen.

Die Gattinnen Bantzers, Thielmanns, Ubbelohdes, Giebels, das Haus Hücker, Maler Hagenauer und ich als Vertreter ihres Freundes Zeller umstanden erschüttert den kargen Holzschrein, der so recht ein Sinnbild jener einfachen und geraden Seele war, die nun vor dieser letzten Tür umgekehrt war ins unbegreifliche andere Leben. Aber das wußten wir alle, die ihr nun folgten, mitsamt den fernweilenden Malern, deren tröstende Briefe drinnen im Trauerhaus lagen, daß Marthlies Dörr nach ihrem Einzug in den Willingshäuser Totenhof nur noch stärker und fruchtbarer in ihrem Wirkungskreis lebendig bleiben würde.

Und aus dieser Gewißheit darf ich dem Wunsche derer, die jene einzigartige Frau jahrzehntelang betreut hat, umso gewissenhafter durch die Darstellung ihres Lebens nachkommen, als sie – wenn wir sie richtig sehen und verstehen – ein wahrhaft mütterliches Inbild des hessischen Menschen, ja unseres ganzen Hessenlandes gewesen ist. Was die Viehmännin in Niederzwehren den Brüdern Grimm war, das war und ist in anderer Art, doch nicht minder bedeutend, Marthlies Dörr den Willingshäuser Malern.

Geboren am 3.10.1877 als Tochter eines feinsinnigen Wagnermeisters und gründlichen Kenners hessischer Geschichte, Nichte des Schwälmer Anekdotensammlcrs „Kastenmeisters“ Dörr, genannt „Köllers Hans-Kurt“, kam sie in früher Jugend als Helferin in das berühmte Haase‘sche Malergasthaus, das durch Veröffentlichungen, Bildwerke und Erzählungen unserer besten Meister weit bekannt geworden ist. Die seltsame, urfidele, stets ungezwungene und rührend liebevolle, große Malerfamilie, begründet durch Reutern und Knaus, erweitert durch Bantzer, Lins und Thielmann, wurde rasch ihre Herzensheimat, in der ihre reichen mütterlichen und künstlerischen Anlagen Wurzeln schlugen, um sich später in außergewöhnlichen Ausmaßen zu entfalten.

Heinrich Giebel Stickerin Mathlies Dörr

Fünfzehn Jahre betreute sie hier die Schaar der Meister und Schüler, die alljährlich im Gefolge CarlBantzers ihren fröhlichen Einzug hielt. Unermüdlich, stets schlagfertig und humorbegabt auf alle originellen Scherze und Tollheiten eingehend, sorgte sie hier für dasleibliche Wohl der Künstler, aus deren teils eigenbrötlerischem, teils weltmännischen Gebahren, Erzählungen, Bildern die „große Welt“ gleichsam in genialen Strichen und Farben in das offene Gemüt des schlichten Bauernmädchens einzog, dem die bunte Tracht, das feine, markante Schwälmerprofil mit den gemütvollen Blauaugen einen unwiderstehlichen Reiz verliehen.

Marthlies Dörr nahm alles, was sie sah und hörte, mit erstaunlicher geistiger Regsamkeit auf, um es nach Art der Bauern mit untrüglichem Gedächtnis still und wirksam in sich zu verarbeiten. Sie machte nicht viel Worte von sich und ihren Gefühlen. Sie war nichts als die gute Kameradin, die ihre Klugheit und ihr allzu liebevolles Herz in schlagendem Mutterwitz und verblüffend praktischen Ratschlägen verbarg und fruchtbarmachte. Nicht Allen gab sie einen dauernden Platz inihrem Herzen. Sie hielt es nur mit vornehmen Gemütern, mochten sie nach außen auch noch so rauh und seltsam erscheinen. Wem sie aber ihre Freundschaft gab, der blieb, wie es besonders Waentig und Zeller erfuhren,zeitlebens ihr Freund, und sie wuchs an dieser ihrer Güte und Treue zu einem markanten, außergewöhnlichen Charakter.

Unter den Malern, die scharfe Augen und offene Herzen haben, konnte sich auf die Dauer als Freundin und Helferin nur ein Mädchen behaupten, das neben unaufdringlicher Begabung für das Echte, Gute und Schöne auch ein feines Taktgefühl mitbrachte, das der beträchtlichen Schwierigkeiten des Künstlerlebens in erfrischender Schlichtheit und Geradheit Herr wurde. Marthlies war dieses seltenen Schlages: Indem sie diente, wurde sie nach und nach unmerklich zur Herrin. Und indem sie herrschte, war sie zugleich eine unerschöpfliche Spenderin.Sie hatte etwas von jener Art an sich, die wir am Adelschätzen und lieben.

Es entwickelte sich jene fruchtbare Wechselwirkung zwischen ihr und ihren Schützlingen, die man städtischerseits oft gern mit Geld und Ehren bezahlen möchte, ohne zu bedenken, daß derlei Dinge gottlob unbezahlbar sind. Der Dank konnte auch hier immer nur in Treue, Fleiß und Taten liegen, die aus dieser Wechselwirkung hervorgingen, und es ist eine besondere Gnade des Schicksals, daß diese Taten in diesem Falle vielfach starke, bleibende Kunstwerke waren! Gewiß, auch Marthlies Dörr buk und reichte den Künstlern „nur“ Brot. Sie räumte ihre mehr oder minder unordentlichen Stuben auf. Sie stand ihnen Modell,sie nähte, flickte und stickte.

Aber in all diesen Handreichungen gab sie in ihrer klaren, glaubensstarken und ehrfurchtsvollen Bäuerlichkeit immer ganz sich selbst,schöpfte sie zwangsläufig aus jenem „Born“, von demnach Kätelhöns treffenden Eingangsworten „unser ganzes Volk trinkt“.Es widerstrebt dem Chronisten, all diese feinen, liebenswerten Züge eines so einfachen Menschen in Worte zu fassen, zumal der Fernerstehende kaum bedingungslos an eine solche Verinnerlichung bäuerischen Wesens glauben wird.

Aber wer jemals als regelmäßiger Schwalmgast im Stübchen der Marthlies Dörr unter Abbildungen oder Originale ihrer Handarbeiten sieht, ahnt zumeist nicht, welche Summe von Überlieferungstreue, Klugheit und Fleiß diese an sich einfachen Symbole und Zeichen zur Voraussetzung haben. Die Grundlagen der bäuerlichen Ornamentik, wie sie das Brauchtum bewahrt, sind zwar denkbar einfach und naturgemäß allen schollenbebauenden Menschen der Erde gemeinsam.Aber gerade in ihrer Einfachheit und Sachbezogenheit beruht ihre Größe.

Der Bauer kennt seit altersher nur eine unpersönliche, zweck- und kultgebundene Kunst. Seine Geistigkeit ist immer sachlich und sachbezogen und zwar in völlig antimaterialistischem Sinne, den prächtigen Bildgeschenken eines Bantzer, Thielmann,Giebel, Kätelhön, Waentig und Zeller zwischen Stickrahmen und Staffelei gesessen hat, dem wird es schwer,seine unwillkürliche Verbundenheit mit dem Geist dieses Bauerntums zu verschweigen, umso mehr als dieser Geist in Marthlies Dörr weit über den Rahmen des Privaten und Heimatkundlichen hinauswuchs.

Denn durch ihren Umgang mit Kunst und Künstlern ist sie mit den Jahren aus einer einfachen Bäuerin zu einer wirklichen Künstlerin geworden, in der das Gewicht des Talentes dem des Charakters durchaus die Waage hielt.Von Jugend auf hatten die kunstvollen Stickereien ihrer Vorfahren Marthlies Dörr gefesselt. Sie wuchs in dem reichen Schmuckwerk ihrer farbenprächtigen Tracht nicht wie Andere gedankenlos auf. Sie sah durch undhinter die Dinge, verglich, urteilte und durchdachte. Ihr bienenhafter, fast fanatischer Fleiß, ein Stammeserbgut unserer hessischen Bauernmädchen, befähigte sie, verfeinert durch ihren Umgang mit den Künstlern zu dem reichhaltigen Lebenswerk, das sie uns hinterließ.

Wer dieweil für ihn die Dinge Ausdruck und Gestaltung göttlichen Waltens sind. Daher seine eingeborene (niemals angelernte oder anerzogene) Religiosität oder Frommheit-daher aber auch die grundsätzliche Verflochtenheit von Brauchtum und Gottesdienst, weltlichem und geistlichem,bäuerlichem und standesherrlichem Denken, wie es ganz besonders in der Schwalm erhalten blieb. Was nicht stammesgebunden, stammeserhaltend und werkdienlich ist,scheidet er aus.

Daher stehen im Anfang und Ende all seiner künstlerischen Äußerungen die einfachen Zeichen der Sonne, des Baums und der Quelle, eben jene drei Dinge, von denen der Bauer lebt, die also, tauchen sie im Trachtornament oder an Wohnung und Hausrat auf, zugleich sein Leben und Schaffen versinnbildlichen. Aus dem primitiven Sonnenzeichen entwickelte sich Sonnenrose, Sonnenrad, Grasrose (Sonnenbogen) und Krone. Aus dem Baumbild das Ornament des Lebensbaumes, aus dem wiederum alle blumenartigen Gebilde (voran der Tulipan) entstanden. Die Quelle endlich wurde im Ornament zum Gefäß, mit dessen mehr oder minder ausgeschweiften und ausgebauchten Formen wiederum das Herzzeichen zusammenhängt, das man sich heute als Zeichen der Liebe auslegt.

(Die Hanftmann‘sche Deutung, daß es sich um Nachbildung des der Freyaheiligen Lindenblattes handelt, wird heute bezweifelt.) Die beiden einander zugekehrten Tauben, die vielie doch niemals in individuelle oder gar willkürliche Verzierungen und Spielereien verlor. Der Stammesgeist der Schwälmer wachte und wacht mit unbarmherziger Strenge darüber, daß die Überlieferung der einzelnen brauchgebundenen „Normen“ in ihrem geheiligten Grundcharakter erhalten bleibt. Innerhalb dieser traditionellen Herz, Tulipan und Namenszüge stützen oder flankieren, haben ursprünglich eine Beziehung zur Quelle:

Es sind jene Vögel, die nach altem Glauben das Lebenswasser herbeitrugen, welcher Mythos mit demTaubenmotiv der christlichen Taufe zusammenfloß. Anordnung und Stil dieser immer wiederkehrenden, z. T.streng geometrischen Zeichen haben nun speziell imSchwälmer Trachtenwesen eine ganz besonders vielfältige, eindringliche Entwicklung erfahren, die sich Norm, die kein Bauer ungestraft aufgibt, und die sich auch in der nach Alterswürden gestuften Farbengebung zeigt, darf die einzelne dörfliche Stickerin ihrem persönlichen Geschmack Spielraum geben, der bei geringster Abweichung vom überkommenen Grundcharakter von ihren Dorfgenossinnen korrigiert oder abgelehnt wird.

In diesen Spielraum zwischen überlieferten und kommenden Leben setzte Marthlies mit genialem Instinkt und Feingefühl ihre Arbeit ein. Sie gestaltete wie eine Künstlerin aus freier Hand und freier Phantasie innerhalb ererbter Formen unter Obwaltung einer heute auf dem Lande zusehends schwindenden Ehrfurcht vor dem Erbgut der Väter und Mütter. Und so wie sie zeitlebens Mittlerin zwischen Bauern und Künstlern war, so schuf sie in ihren hochwertigen Gold-, Seiden- und Weißstickereien die Brücke zwischen Volkskunstund Hochkunst.

Und hierin liegt der bleibende, nährende und beispielgebende Wert ihrer Arbeiten! Dorfgeistes das Amt einer Stickerin der Würdigsten zu, vorausgesetzt, daß sie Erbin der Tradition ist. All diese Voraussetzungen hat Marthlies Dörr in überragender Weise erfüllt und ihr Amt dadurch über sichs elbst erhoben. Der Ruf ihres Könnens verbreitete sich mit den Jahren weit über ihren Heimatgau hinaus. Unterstützt durch ihre gelehrigste Schülerin, Frau Thielmann, schlug ihre Kunst eine Brücke hinüber zu Stadt und Großstadt. Die Ziegenhainer Heimatausstellung 1935 ´ Der Stand der Stickerin ist in den Schwalmdörfern ein traditioneller und sozusagen zünftiger. Wie der Stand des Ortsführers, Pfarrers, Lehrers, der Totenfrau, desTotengräbers, ja des adligen Gutsherrn einmalig und in höherem Sinne amtlich ist, so ist es auch der der Stickerin, die zugleich immer die Zurichterin des gesamten hochkomplizierten Hochzeitsschmuckes („Geschappels“) der Bräute ist.

Hieraus erklärt sich von vornherein die wortlos betonte Würde derer, die ein solches Amt versehn.Und es ist in solchen Dörfern unmöglich, daß sich eine unwürdige Person solchen Amtes bemächtige. Unmerklich und ohne „Ernennung“ schiebt das geheime Walten deswurde im Trachtenwesen gleichsam auf ihre Arbeit abgestimmt- der Rundfunksprecher kam in ihr Haus, um ein Gespräch mit ihr zu übertragen- städtische Lehrerinnen wurden in amtlichen Kursen von ihr unterwiesen- namhafte Maler beriet sie bei Auswahl der Modelle undTrachtenstücke – kurz sie wurde zu einer unentbehrlichen Kapazität ihres Faches, bei der man Rat fand.

Was sie auf Reisen zu ihren Kunstfreunden gelernt (sie besuchte Prof. Banlzer in Dresden, Prof. Sieveking in Zürich, sah Hamburg und Lübeck, war mehrfach Gast bei Ubbelohdes in Goßfelden und Zellers am Chiemsee), das ließ sie in fortschreitender Verfeinerung in ihre Kunst einfließen. Ihre Arbeiten sind zum großen Teil freie Entwürfe ihrer klaren, artgetreuen Phantasie, und die Maler-haben ihre Werke stets auf gleiche Stufe mit ihren eigenen Kunstwerken gestellt.

Ebenso fein und stilklar wie ihre Arbeiten waren auch die Briefe, die sie mit ihren Malerfreunden wechselte. Sie sind von erstaunlichem Reichtum der Schilderungen,voll originaler Aussprüche und bäuerlicher Weisheit. Sie las gern und viel: Goethe, Isolde Kurz, Mörike, Nansen standen in ihrer kleinen Bücherei. An den Nordpolfahrten des Letzteren nahm sie in ihrem starken Mitgefühl einen geradezu familiären Anteil, denn sie schienen ihr als die Bestätigung ihrer eigenen Ausdauer. Sie hatte einen untrüglichen Sinn für wahrhaft menschliche Größe.Sie wußte auf den ersten Blick ein Bild vom Wesensgehalt eines Bantzer von jedem Konjunkturprodukt absichtsvoller Bauernmalerei zu unterscheiden. In ihrem Zimmer hängen die besten Zeugen echter, gekonnter unddurchlittener Kunst, von den Künstlern selbst als Dankesgaben an die niedren Wände gehängt, die die „Urzelle der Schwälmer Stickerei“ umhegten.

Auch sie selbst ist vielfach gemalt worden. Es gibt insgesamt sieben größere Bilder von ihr: Eins von Giebel, fünf von Zeller, eines von Waentig und viele Zeichnungen von Thielmann. Niemals vergesse ich den Gang mit der Willingshäuser Trachtenfrau an der Seite des Malers Zeller durch die Münchener Pinakothek, als sie in ihrem schwarzen Käppchen und tiefvioletten Seidenbrusttuch, in altvaterischenSchnallenschuhen und weißen Strümpfen vor den Meisterwerken eines van Dhk und Rembrandt stille stand, um auf diese oder jene Gestalt hinzuweisen, die ihr besonders gefiel. Kein unzutreffendes Wort kam aus ihrem Munde. Und während der Goldton des Oberlichtes ihre ehrwürdige Gestalt und ihr von Liebe gefurchtes Gesicht verklärte, glich sie selber einem jener Meisterbilder, derenSchöpfer an der Wertbeständigkeit solcher zeitloser Trachten und Menschen einen festen, ewigen Halt fanden.

Zum letzten Mal hat sie dann ihr bester und untröstlichster Freund Zeller in seinem Haus am Chiemsee gemalt. Als wollte sie noch einmal ihr ganzes Leben an sich und dem Freund vorüberziehen lassen, so plauderte sie während des geduldigen Modellstehens in ihrem gütigen Humor unermüdlich von alter Zeit. Sie fühlte wohl, daß der Maler im Namen all seiner Freunde, die ihr stilles Heim an der Totengasse im Laufe der Jahrzehnte beherbergt hatte, ihre langjährige Gastfreundschaft erwidern wollte.

Vielleicht ahnte sie auch, daß sie, die man mit Recht die „Chronik der Malerkolonie“ nannte, noch manches zu sagen hatte, ehe der Tod ihren Mund für immer schloß. Beiden, dem Maler wie dem Modell, war nicht mehr allzuviel Zeit für diese letzte Arbeit beschieden.

Noch ehe das Bild in der Marburger Ausstellung hing, tat sich für die Trägerin des leuchtenden „Rückenbretts“ die Heimaterde auf, um jenes Schwälmer Begräbnisbild, das der Freund vor Jahren malte, in unerbittlicher Weise wahr zu machen. Die Frau, die wir hier in der Nähe der Thielmannsichen Gruft einsenkten, wird mit den Namen Bantzer, Thielmann, Ubbelohde, Volkmann, Ritter, Lins, Otto, Kätelhön, Metz, Giebel, Hanusch, Waentig und Zeller untrennbar verbunden bleiben: Eine mütterliche Hüterin bäuerlicher Kultur, die das Glück einer eigenen Familie denen opferte, die berufen sind, ihrem Vaterlande von jenem Geiste Kunde zu geben, der in bäuerlicher Frommheit und Kraft das Einfache und Notwendige in die Sphäre des Großen und Ewigen rückt.