Selbstbildnis von Hermann Kätelhön

Von Paul Heidelbach | Als am 24. November 1940 in München der Graphiker Hermann Kätelhön aus der Höhe seines Schaffens aus dem Leben schied, konnte in seiner kurhessischen Heimat, die ihm und der er selbst so viel verdankte, die Presse inmitten des großen Geschehens des zweiten Weltkrieges ihm nur wenige Zeilen des Gedenkens widmen. Leider. Bleibt doch Hermann Kätelhön durch sein Schaffen in Willingshausen und Marburg für immer mit der hessischen Kunstgeschichte verbunden.

Ausbildung auf Kunstschule und Kunstakademie

Schon als Kind siedelte er mit den Eltern von Hofgeismar, wo er am 22. September 1884 geboren wurde, nach Marburg über. Die dort in guter Überlieferung heimische Kunsttöpferei weckte in ihm früh den Drang zu eigenem künstlerischen Schaffen auf diesem Gebiet und ließ ihn bald in sinnvoller Anwendung und Verteilung ornamentalen Schmuckes wertvolle Anregungen geben. Er besuchte dann 1903—05 die Kunstschule zu Karlsruhe, anschließend bis 1907 die Münchener Kunstakademie, wo seine ausgesprochene Begabung zur Graphik starke Förderung erfuhr, und kehrte dann nach Marburg zurück. Die von ihm in all diesen Jahren geschaffenen Töpfereien gehören in ihrer farbigen Eigenart heute zu den geschätztesten Seltenheiten.

Kätelhön gehörte zum Kreis um Bantzer, Thielmann und Baum

Hermann Kätelhön Getreideernte

In Willingshausen, wo er seit 1908 zu dem Kreis um Bantzer, Thielmann und Baum gehörte, nahm er von 1910—1916 seinen festen Wohnsitz. Zweimal erhielt er in dieser Zeit das Bose-Stipendium der Stadt Kassel, das ihm ein freies Schaffen ermöglichte. Landschaft und Menschen dieses Schwalmdorfes boten ihm reiche Motive für seine Radierungen und Holzschnitte.

Hermann Kätelhön Sommertag

Aus dieser Willingshäuser, für ihn so glücklichen Zeit stammen u. a. die Radierungen der hessischen Bauern Faust (1912), Ruff und Dörr (1913), der Totenfrau („Dorfälteste“ 1914), das charakteristische Selbstbildnis (1915) und daneben zahlreiche Landschaften und Portraits.

Hermann Kätelhön Dreschmaschine auf dem Feld

Das Jahr 1917, in dem er sich mit einer jungen Dresdener Malerin vermählte, bildet den großen Wendepunkt seines Lebens durch seine Übersiedlung nach Essen, in das Herz des Ruhrbergbaus, wo sich Zwischen rauchenden Schloten die gigantischen Hochöfen Zum Himmel recken. Mit Leib und Seele verschreibt er sich den Menschen des Bergbaus und ihren Arbeitsstätten. Wie Heinrich Lersch der Dichter der deutschen Arbeit war, so wird Kätelhön jetzt der Maler des schwer arbeitenden deutschen Bergmanns, wird die künstlerische Darstellung des schaffenden Menschen sein unbeirrbares Lebenswerk, an dem er mit der ihm eigenen Zähigkeit arbeitet.

Als Bergmann mit Nummer und Arbeitsbuch fährt er als erster deutscher Künstler Tag für Tag mit den Kumpels in die Grube ein, lernt ihre Arbeit, ihre Freuden und Nöte kennen, gewinnt ihr Vertrauen und zeichnet sie tief unter der Erde bei Temperaturen bis zu 30 Grad im Schein der kleinen Grubenlampe bei ihrer schweren Arbeit. Schon 1917 beginnt er sein großes graphisches Werk „Arbeit“, das ihn bis zum Jahr 1940 beschäftigt.

„Kunst ist berufen, die letzte Sehnsucht nach Vollkommenheit zu stillen“

In diesem Werk schuf er in jahrelangem Ringen das hohe Lied vom deutschen Bergarbeiter. In einer Zeit des tiefsten Niedergangs Deutschlands gibt er seiner Erkenntnis, daß die Kunst Erzieherin des deutschen Menschen sein muß, in Wort und Schrift Ausdruck. „Die Kunst ist berufen, die letzte Sehnsucht nach Vollkommenheit zu stillen – in diesem Suchen und Ringen unserer Seele sind die Künstler immer die deutschen Seher gewesen.“ Und selbst ein solcher Seher, sagt er 1927: „Sie hassen uns, weil sie ahnen und fürchten, daß wir die Zukünftig Führenden sein werden“

Ihm ist es vor allem um die Schaffung von Kunstwerkstätten zu tun, in denen der Künstler die Möglichkeit haben soll, frei von materiellen Sorgen sich im Handwerklichen Zu vervollkommnen. So war er die treibende Kraft bei der Errichtung der Keramischen Werkstatt Margarethenhöhe G. m. b. H. Essen, und 1929 schuf er die Künstlerdruckerei. Bei dem von ihm erstrebten Neuaufbau einer volksnahen Kunst hat er bis Zuletzt diese Kunstwerkstätten gefördert, wobei er das Glück hatte, bei Überwindung der technischen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten weitgehende Hilfe durch Bergbau, Industrie und Stadtverwaltung zu finden.

Die Kunstwerkstätte blieb nicht in dem 1924 Zur Verfügung gestellten Haus auf der Margarethenhöhe, der schönen Gartenvorstadt Essens, sondern erhielt 1933 in der Stadt neue große und übersichtliche Räume, die auch die Anfertigung großer baukeramischer Stücke ermöglichten. Aufgabe der auf gemeinnütziger Grundlage aufgebauten Kunstwerkstätte war Herstellung von Töpfereien für Haus und Garten in guter Form und einwandfreiem Material, gründliche Ausbildung eines Nachwuchses für das Töpfereihandwerk, Ausführung von Bau-, Garten- und Kleinplastiken und Weckung des Interesses für das Töpferhandwerk durch Kurse und Führungen.

Hermann Kätelhön Westfälischer Bergmann

Inzwischen hat sich die Essener Keramik auf vielen Ausstellungen durch ihre edlen Formen und Glasuren einen Namen gemacht. Neben seinem Werk -„Arbeit“, das sich dem schaffenden Menschen widmete, hatte Kätelhön einen zweiten großen Zyklus „Schöpfung“ begonnen, der die Arbeit der Naturkräfte, besonders des Wassers von seinem Ursprung im einsamen Bergwald bis zum Meer, aufzeigen sollte. Aber nur drei Blätter, die „Quelle“, der „Berg“ und die „Düne“ konnten noch auf die Druckplatte gebracht werden. Eine für die „Schöpfung“ bestimmte Federzeichnung der Warensteine bei Garmisch vollendete er noch kurz vor seinem Tode.

Wenn wir die große Zahl seiner Zeichnungen, Radierungen, Holzschnitte und Lithographien überblicken, verdienen auch die Jubiläumsblätter, Bergbaudiplome, Hauerscheine und Knappenbriefe, zu denen sich oft auch seine kernigen Sprüche und gemütvollen Verse gesellten, Beachtung, die seine Kunst der bisherigen nichtssagenden Form entkleidete und durch die er Schönheit und Freude in die Heime der Kumpels brachte.

1942 ging dank einer großzügigen Stiftung das gesamte graphische Werk Kätelhöns in den Besitz des Carl-Ernst-Osthaus-Museums der Stadt Hagen über. Als die umflorten Grubenlampen der Bergleute Hermann Kätelhön in Dortmund auf seiner letzten Fahrt begleiteten, war sich das Ruhrgebiet wohl in allen Schichten seiner Bevölkerung der Verpflichtung bewußt, das Erbe eines Mannes zu pflegen, dessen künstlerisches Glaubensbekenntnis gerade in seiner Wahlheimat einen so prägnanten Ausdruck gefunden hatte. Aber auch in Kurhessen, wo sein Schaffen so verheißungsvoll begonnen, wird ihm ein dankbares Gedenken gewiß sein.

Quellenhinweise:
Der Nachruf zum Leben und Werk von Hermann Kätelhön aus der Feder von Paul Heidelbach ist erschienen in „Hessenland 54 im Jahr 1943. Darin findet sich die Radierung Westfälischer Bergmann wiedergegeben. Die anderen Zeichnungen und Radierungen von Hermann Kätelhön sind der Zeitschrift „Hessenkunst“ 11. Jahrgang 1917 entnommen.