Kürt´s Haus in Willingshausen – Was uns eine alte Fotografie erzählt

Aus einem Familienalbum hat Erika Schäfer eine historische Fotografie aus Willingshausen herausgenommen und als Reproduktion für Art Willingshausen zur Verfügung gestellt. Die fotografische Aufnahme wurde 1914/15 gemacht, der Fotograf ist unbekannt. Soviel vorab. Die beiden abgebildeten Personen, der kleine Junge bei den Kühen und der ältere Bauer werden am Schluss dieses Beitrags vorgestellt.

Kürt´s Haus ist der Dorfname, Familie Schäfer bewohnt(e) das Haus. Heute lebt darin Anna Katharina Schäfer, die Mutter von Erika Schäfer.

Die Fotografie wird 1914/15 datiert.** Damit ist sie kurz vor Beginn des Ersten Weltkriegs entstanden, Kriegsbeginn war im August 1914, oder im ersten Kriegsjahr. Von dem Krieg war wohl in Willingshausen nicht viel zu spüren, das Leben im landwirtschaftlich geprägten Ort ging weiter seinen gewohnten Gang. Es mögen einige junge Männer gefehlt haben, die sich – vermutlich – als Kriegsfreiwillige gemeldet haben um von Willingshausen ins Feld zu ziehen. 

Für diese Vermutung sprechen möglicherweise die beiden abgebildeten Personen. Wir sehen hier nicht Vater und Sohn abgebildet. Der Bauer mit Mütze in der Bildmitte zwischen den eingespannten den Kühen*** wird deutlich über 60 Jahre alt gewesen sein. Damit könnte es sich um den  Großvater des etwa fünfjährigen Jungen handeln. Ob der Vater des Jungen als Soldat Kriegsdienst leistete, wäre mithin ein Möglichkeit. Es lässt sich jedoch aus dem Foto alleine nicht ableiten. Dafür findet sich ein anderes mögliches Indiz. Das wird später erläutert.

Wir sehen eine Alltagssituation auf dem Foto. Ein bäuerliches Fachwerkhaus mit Nebengebäuden in Schrägperspektive aufgenommen, womit die Giebelseite rechts zu sehen ist. Die straßenseitige Traufseite nimmt den Hauptteil ein. Davor steht ein Viergespann mit Kühen vor einen nur im Anschnitt sichtbaren Wagen (mit Jauchefass ?) gespannt. Der kleine Junge blickt ebenso wie sein Großvater zum Fotografen.

Es handelt sich mithin nicht um einen wirklichen Schnappschuss als Aufnahme. Dann hätten die beiden fotografierten Personen die Aufnahme, den Moment des Fotografierens nicht mitbekommen, den Fotografen nicht wahrgenommen. Man könnte die Vermutung anstellen ob und wie weit das Foto gestellt worden ist. Dagegen spricht die sehr weitgehend wirkende Alltäglichkeit deer Gesamtszenerie. Vier Kühe alleine wegen einer Fotografie einzuspannen und zu positionieren erscheint als sehr großer Aufwand für das Zustandekommen dieses Bildes.

Wir betrachten also eine Alltagsaufnahme, eine bäuerlich-landwirtschaftliche Szene vor der Ausfahrt auf das Feld. Getragen und verstärkt wird dies durch die Grundfläche, die offenbar ungepflasterte Dorfstraße mit einigen Dunghaufen ganz im linken Vordergrund. Insgesamt ist die Szenerie sehr ausgeglichen, beinahe schon harmonisch aufgebaut. Der Standort des Fotografen, möglicherweise mit Stativ, ist sehr sorgfältig gewählt. Für die leichten Schrägperspektive hat der Fotograf sich soweit vom Haus als Hintergrund und dem Kuhgespann entfernt positioniert, dass rechts und links neben dem Wohnhaus die angrenzenden kleineren Nebengebäude im Anschnitt  gerade noch zu sehen sind.

Für die Gesamtwirkung ist dies entscheidend, verleiht der Aufnahme Tiefe und Szenerie. Zu sehen ist nicht ein Fachwerkhaus alleine und isoliert, was eine andere Wirkung und Bildaussage transportieren würde. Vielmehr wird das Umfeld des Anwesens einbezogen, ganz am linken Rand ganz knapp ein weiteres Wohn- oder Scheunengebäude. Es ist kaum übertrieben dieses Bild als sogfältig komponierte Aufnahme zu bezeichnen, auf der alles stimmt.

Bildaufbau mit Nebenperson und Hauptperson

Ein Maler oder Zeichner hätte sich die Situation mit Vordergrund, Bildmitte, aufsteigender Szenerie zu den Rändern dann abklingend und ein Stücke den Himmel sichtbar werden lassend, kaum besser wünschen und auf Papier oder Leinwand mit Stift oder Pinsel abbilden und darstellen können. Das Foto hat eine Hauptperson und zeigt eine Nebenperson. Der Fünfjährige beinahe schon ganz rechts am vorderen Bildrand dem Fotografen zugewendet stehende Junge ist die Zentralfigur, wenngleich er nicht in der Bildmitte positioniert ist.
Etwas aus der Bildmitte herausgerückt ist die Nebenfigur, der Großvater positioniert. Dessen Körper ist beinahe vollständig von dem massigen Leib der Kuh vorne rechts im Gespann verdeckt. Auch er blickt zum Fotografen, was dem Foto eine gewisse Spannung gibt, indem der Blick des Betrachters (auch) dieses Antlitz wahrnimmt. So wenig von der Nebenfigur zu sehen ist, hat sie eine tragende Bedeutung im Gesamtaufbau. Zudem wäre die Fotografie alleine mit der Abbildung des Jungen unglaubwürdig erschienen und unvollständig in einem kompositorischen Sinn gewesen.
Beachtet man die Kleidung, fällt ins Auge, dass der Junge in Schwälmer Tracht mit knielangem Kittel und Bromkapp bekleidet ist. Sein Großvater trägt eine Schirmmütze, Halstuch und Hemd, also keine Merkmale der Schwälmer Männertracht. Waren Kinder in der damaligen Zeit im Alltag tatsächlich so gekleidet? Mit weißem Hemdkragen unter dem Kittel?
Oder ist der Junge eher „sunndog´s ugeduh“, also in Sonntagstracht gekleidet? Das würde endgültig belegen, dass vieles in dieser gelungenen Fotografie bewußt gestaltet worden ist, nicht zu sagen inszeniert wurde.
Wir wissen es nicht. Eine gründliche, einlassende Bildbetrachtung offenbart manches, was dem Auge zwar sichtbar, sich jedoch eigentlicher, verstehender Wahrnehmung erst durch Sehen und Überlegung und Einordnung offenbart.
Eine weitgehende These ist, dass das Foto mit einbestelltem Fotografen gemacht worden ist um dem Vater des Jungen –  auf dem „Feld der Ehre“ statt auf heimischer Scholle weit entfernt in Frankreich sich aufhaltend – ein Bild von Haus und Hof mit dem wohlgeratenen Stammhalter vor Augen zu führen.

** Das Foto findet sich in dem Bildband „Tradition, Kultur und Alltag in der Schwalm | Historische Fotos aus dem 19. und 20. Jahrhundert“ veröffentlicht. Herausgegeben von Georg Todt, Die Kalendermacher, o.O. (Willingshausen 2013)      *** Die Personen sind Johannes Faust I, geboren 1856 und sein Enkel Sebastian Faust, geboren 1910.

Familien und dörfliche Verhältnisse im Werk von Willingshäuser Malern

Aus der Familienüberlieferung weiß Erika Schäfer zu berichten, dass Kürt´s Haus oder Hof mit ihrem Urgroßvater in Familienbesitz gekommen ist. Die interessante Geschichte dahinter bis heute wird in einem späteren Beitrag veröffentlicht. Das Foto stammt aus der Schlussphase der Entwicklung der Malerkolonie Willingshausen, als Leben auf dem Dorf sich noch weitgehend in althergebrachten Bahnen bewegte. Die Landschaft und Menschen, ihre Lebensgewohnheiten mit der eigenen Schwälmer Kultur, zogen viele Maler aus Düsseldorf, Frankfurt, Dresden und vielen anderen Orten im Sommerhalbjahr nach Willingshausen.

In dem Bildband  sind viele weitere Fotografien versammelt, die nicht nur authentisches Zeugnis geben von den Lebensverhältnissen im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert. Viele der Fotografien erscheinen geradezu als Vor-Bilder von Zeichnungen und Gemälden. Diese betrachtens- und untersuchenswerte Anmutung und mögliche Koinzidenz soll in weiteren Beiträgen erörtert und mit Beispielen und Gegenüberstellungen Fotografien – Gemälden / Zeichnungen überprüft werden.