Der Begründer der Willingshäuser Malerkolonie von

Paul Heidelbach 

Am 7. Dezember verschied zu Berlin 81jährig der Genre- und Porträtmaler Professor Dr. Ludwig Knaus, der als der eigentliche Begründer der Malerkolonie Willingshausen in der Schwalm gelten kann. Er gehörte zu den ersten, die unsere Schwalmgegend aufsuchten, um ihr künstlerische Motive zu entnehmen, und er, der Liebling des deutschen Volkes und einer der wenigen deutschen Maler von europäischer Berühmtheit hat in der Tat Zeit seines Lebens reiche Befruchtung seines Schaffens aus seinen Willingshäuser Studien erfahren, unter den berühmtesten seiner Gemälde stehen diejenigen mit an erster Stelle, die irgend ein Motiv aus dem Schwälmerleben zum Ausdruck bringen.

Ludwig Knaus ‚Tanz unter dem Lindenbaum‘, 1881, Öl auf Leinwand, Milwaukee Art Museum

Knaus ist Wiesbadener von Geburt. Am 5. Oktober 1829 wurde er dort als Sohn eines armen Optikers geboren, der mühselig durch Handschleiferei Augengläser herstellte. Mit 16 Jahren suchte er die Düsseldorfer Akademie auf, wo aber Schadow für die Begabung des jungen Künstlers kein Verständnis hatte, so daß dieser die Akademie nach kaum drei Jahren wieder verlies. Er fasste den Plan, zunächst auf dem Lande nach der Natur zu malen.

Ein Genrebild des Düsseldorfers Dielmann, das Willingshäuser Bauernmädchen in einer Schmiede darstellte, und auch der Rat des damals sehr geschätzten Bauernmalers Becker in Frankfurt veran- laßten ihn, 1848 nach Willingshausen überzusiedeln, wo er ein halbes Jahr hindurch zahlreiche Studien nach dem Leben malte. Mit seinem ersten figurenreichen Gemälde, dem „Bauerntanz unter der Linde“ trat er bereits 1849 in Düsseldorf hervor und erregte damit größtes Aufsehen. Wenige Jahre später, im September 1852, machte ein weiteres Bild, „Leichenbegängnis im Walde“, auf der großen akademischen Kunstausstellung zu Berlin starken Eindruck und machte ihn zum berühmten Manne.

Knaus ging nun nach Paris, wo er acht Jahre lang neue Eindrücke sammelte und nach seinen mitgebrachten Studienmappen eine Reihe bedeutender Gemälde schuf. Sein „Morgen nach der Kirmes“ den er 1853 im „Salon“ ausstellte, wurde ein bewundertes Stück der Ausstellung. Wie sehr Knaus von den Franzosen, auf deren Kunst er seinerzeit auch nachhaltigen Einfluß ausübte, bewundert wurde, mag ein Wort des damals (1855) einflußreichen Kritikers Edmond About zeigen „Tout le talent de l`Allemagne est contenu dans la persone de M. Knaus. L´Allemagne habite donc rue de l´Arcade à Paris.“

Von Paris kehrte der bereits weltberühmte Meister, um dessen Skizzen man riss, nach Wiesbaden zurück; 1862 siedelte er nach Berlin und von dort 1867 nach Düsseldorf über, wo er sich ein Heim baute. Im Jahr 1874 wurde ihm ein Meisteratelier der reorganisierten Berliner Kunstakademie übertragen. Schon nach wenigen Jahren gab er dieses Amt wieder auf, blieb aber fortab dauernd in Berlin, wo er dann auch durch Herzschlag aus dem Leben schied. Keine Krankheit verdüsterte seine letzten Tage.

Noch vor vier Wochen schrieb er Herrn Metropolitan Riebeling in Kassel, daß seine Schaffensfreude jetzt größer sei als in den letzten Jahren, und so hat er denn auch noch am Vormittag seines Todestages in seinem Atelier besonders fleißig gearbeitet. Groß waren die Ehren, die noch dem Verstorbenen zu Teil wurden. Nach einer erhebenden Trauerfeier in der Akademie der bildenden Künste bewegte sich ein langer Trauerzug durch das (sonst nur der kaiserlichen Familie vorbehaltene) Hauptportal des Brandenburger Tores nach Dahlem, bei dessen alter Kirche der Meister beigesetzt zu werden gewünscht hatte. Um halb vier Uhr begann die Glocke der kleinen Dorfkirche zu läuten.

Gleichzeitig sah man im grauen Dezember rote Feuer aufblitzen. Die Studierenden der Kunsthochschule zogen, in wallende schwarze Staubmäntel gehüllt, mit lodernden Pechfackeln langsam in den Friedhof ein und nahmen an der Wand im Hintergrund des Grabes, deren Pfeiler weithin leuchtende Fanale trugen, in langer Reihe Aufstellung. Der schwere dunkle Rauch der Fackeln verfinsterte den Tag noch mehr, so daß es hier, im gespenstischen Feuerschein am offenen Grabe, schon Abend geworden war, während es drüben, vor der Kirche, erst zu dämmern begann.

Das Genrebild ist durch die Schuld zahlreicher nüchterner und handwerksmäßiger Vetreter dieser Gattung in Misskredit gekommen. Wir fragen heute mehr nach dem „wie“ als nach dem „was“ der Darstellung. Knaus wußte beides meisterhaft zu vereinen. Der bei ihm fast durchweg klar ausgeführte dramatische Gedanke war es, der die Massen anzog, während sein technisches Können, die vollendete Ausführung des Details auch den Fachgenossen imponierte.

Mit sicherem Blick hat er frühzeitig sein Können richtig eingeschätzt. Wie sein Kunstgenosse Adrian von Ostade, dessen 400. Geburtstag drei Tage vor Knaus´ Hinscheiden in Haarlem festlich begangen wurde und von dem auch unsere Kasseler Galerie drei prächtige Stücke besitzt, hat er der Wiedergabe des Bauernlebens einen großen Teil seiner schöpferischen Kraft gewidmet. „Dem von mir hochverehrten großen Meister, dessen feines Empfinden für die Volks- und Kinderseele seinen Werken ein so herzgewinnendes Gepräge gibt und dessen Kunst das deutsche Gemüte allezeit sympathisch berühren wird, werde ich mit dem deutschen Volke stets ein freundliches und dankbares Andenken wahren.“ So schrieb der deutsche Kaiser der Witwe des Verstorbenen und gab damit auch dem Empfinden des Volkes Ausdruck.

Daß des Meisters Ruhm mittelbar und unmittelbar seinen Ausgang von Willingshausen nahm, ist uns Hessen eine besondere Freude. Im Sommer 1909, kurz vor seinem 80. Geburtstag, an der er auch zum Ehrendoktor der Universität Marburg ernannt wurde, schrieb Knaus selbst der Willingshäuser Künstlerchronik einen Beitrag, aus dem folgendes hergesetzt sei:

„Es war um das Jahr 1848, als ich in Düsseldof die Akademie verließ, die ich seit 1845 besucht hatte. In der Schar der jüngeren Künstler war in dieser Zeit, als alles drunter und drüber ging, eine allgemeine Halt- und Ratlosigkeit eingerissen: gemalt wurde nicht mehr, alles Kunstinteresse war verschwunden. Ich verkehrte damals viel mit meinem Freuinde Adolf Schreyer aus Frankfurt a. M. und wir beide kamen beide eines Tages überein, aus Düsseldorf zu flüchten und nach dem Vorgange Jak. Beckers und Dielmans eine Studienfahrt nach der Schwalm zu unternehmen.

Wir schoben mit unseren bepackten Ranzen von Frankfurt a. M. ab, teils per Post, teils zu Fuß. Unser Einzug in Willingshausen war recht trübselig, der Wirt Stamm war gerade gestorben, und es herrschte große Trauer im Hause: trotzdem wurden wir von der gutmütigen Wirtin aufgenommen und, wenn auch sehr primitiv, untergebracht. Unsere Ansprüche waren ebenso gering wie unsere Habseligkeiten, und so richteten wir uns zu einem längeren Verbleib ein. Die Dorfbewohneer fanden wir gleich sehr zutraulich und freundlich. Auch machten sie keine Umstände, sich gegen geringe Vergütung abmalen zu lassen.

Auch in der Schwalm regten sich damals die neuen Freiheitsideen: ich erinnere mich, eine Schar Willingshäuser bauern gesehen zu haben, mit Spießen und Sensen bewaffnet, wie sie auf einer Wiese vor dem Dorf von dem „Schnyder“ einexerziert wurden: der Schneider war wohl für die Bauern keine Respektperson und konnte seine Autorität nur aufrecht erhalten, nachdem er ihnen in flammender Rede klar gemacht hatte, daß er hier im Namen des Kurfürsten befehle.

Der Bürgermeister Korell, damals ein stattlicher Mann in den besten Jahren, war uns sehr behülflich, den Bauern näher zu kommen, denn es war uns anfangs schwer, den Schwälmer zu verstehen. Eine ganz vortreffliche Frau war die Wirtin, Frau Stamm, ihr hübsches, freundiches Gesicht ist mir noch immer in lebhafter Erinnerung: ich habe sie natürlich aufgezeichnet. Mein Freund Adolf Schreyer fand augenscheinlich nicht was ihm zusagte, und man konnte nicht ahnen, welche glänzende Künstlerlaufbahn ihm bevorstand als er später auf seine richtige Fährte gekommen war.

Unser Leben gestaltet sich allmählich ganz interessant. Zu Hochzeits-, Kindtaufs- und auch Begräbnismahlzeiten wurden wir häufig eingeladen und wurden allgemein als zur Dorfschaft zugehörig angesehen. Zu unserem Ansehen im Dorfe trug es zweifellos auch bei, daß wir zuweilen in dem Baron von Schwertzellschen Schlosse auf das freundlichste empfangen wurden.

Nach meinen Aufzeichnungen mag ich wohl mindestens zehnmal in Willingshausen gewesen sein: manches Mal allein, öfters mit Freunden aus Düsseldorf oder Berlin. Als ich die ersten Male dort war, trugen die Leute fast sämtlich noch die schöne alte Tracht, die älteren Männer ihr langes Haar: zuletzt machte ich dort in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts meine Studien zu einigen großen figurenreichen Bildern „Bauerntänze unter der Linde“. Diese Bilder befinden sich längst in Amerika.

Viele Personen mit denen ich in Willingshausen im Laufe der Jahre verkehrte, sind mit in freundlichster Erinnerung geblieben: so der alte Wirt Haase, mit dem wir uns stets gerne unterhielten: er und seine Frau waren immer bemüht auf das beste für uns zu sorgen, was in dem Wirtshaus eines kleinen Dorfes nicht immer leicht war: – ferner der alte Lehrer Neusel, dem ich einmal mit der Portraitzeichnung seines kleinen Töchterchens eine große Freude bereitete. In der ganzen Zeit meines oft wiederholten Aufenthaltes in Willingshausen ist mir kein Fall vorgekommen, daß mir seitens der Dorfbewohner etwas in den Weg gelegt worden oder man mir unfreundlich begegnet worden wäre. So habe ich von dort nur angenehme Erinnerungen, und Willingshausen bedeutet für mich eine wichtige Etappe in meiner Künstlerlaufbahn. Dankbar muß ich auch noch des Metropolitan Riebeling, gegenwärtig in Kassel, gedenken, der sich mehrfach freundlichst bemühte, mich mit Land und Leuten bekannt zu machen.“

Manche der in Willingshausen entstandenen Bilder sind nach Amerika verkauft worden, da sie nicht photographiert oder sonst nachgebildet wurden, jetzt unbekannt. Eine große Menge Knaus´scher Gemälde und Skizzen hat L. Pietsch in seiner bei Velhagen und Klasing erschienene Monographie des Künstlers reproduziert. Außer den schon genannten gehören zu den berühmtesten Bildern von Knaus, die hessischen Ursprungs sind, noch das „Leichenbegängnis im Winter“, der „Dorfprinz“, „Ländliches Fest“, „In tausend Ängsten“ und „Seine Hoheit auf Reisen“.

Wie Knaus seine Düsseldorfer und Berliner Freunde mit nach Willingshausen brachte, so zog es seitdem auch andere hervorragende Künstler nach diesem anmutigen Schwalmdorf, und heute ist Willingshausen eine der bekanntesten deutschen Malerkolonien, in der Künstler wie Bantzer, Adolf Lins, Hans v. Volkmann, Kretschmar, Sterl und Wilhelm Thielmann den Grund legten zum besten dessen, was sie uns schufen. Wie Bantzer, so stiftete auch Ludwig Knaus der Gemeinde alljährlich einen Beitrag für die Armen, und diese pflanzte noch im letzten Frühjahr als sichtbares Zeichen der Dankbarkeit eine Knauslinde.