Die Stickerin Marthlies Dörr   

von Angelika Baeumerth

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gab es in jedem Dorf der Schwalm noch etliche gute Stickerinnen.  Einem weiteren Kreis bekannt geworden ist aber nur die Stickerin Marthlies Dörr. Nicht zufällig war Willingshausen, die Malerkolonie in der Schwalm, ihr Heimatdorf. (1)

Mittlerin zwischen Bauern und Künst­lern

Marthlies Dörr mit Malern in einer Willingshäuser Dorf­straße. Fotografie 1902

Marthlies Dörr wurde am 3. Oktober 1877 als Tochter des, Wagners Heinrich Dörr in Willingshausen geboren. Den Vater haben schon die Maler Hans Richard von Volkmann und Hermann Kätelhön in Werken festgehalten, die heute im Willingshäuser Malerstüb­chen aufbewahrt werden.

Als junges Mädchen kam Marthlies Dörr in das Gasthaus Haase, in dem die Willingshäuser Maler ein und aus gingen und ihr „Malerstüb­chen“ etabliert hatten. Hier ar­beitete sie während des Som­mers in der Küche und sorgte so viele Jahre lang für das leibliche Wohl der „Willingshäuser“ Maler. (2)

Diese wußten die Dien­ste des als „ bienenfleißig“ be­schriebenen, unermüdlichen und noch dazu „stets schlagfer­tigen und humorvollen“ Mäd­chens zu schätzen. Marthlies half, wo sie konnte: ,,Sie räumte ihre mehr oder weniger unor­dentlichen Stuben auf. Sie stand ihnen Modell, sie nähte, flickte und stickte.“ (3)

Kurz: Sie war geschätzt, nicht zuletzt weil ihr Wesen die Vorstellungen der bürgerlichen ( und damals in Willingshausen ausschließ­lich männlichen) Maler vom einfachen Landmädchen bestä­tigte.

Hinzu kam, daß Marth­lies Dörr „regsten Anteil am Schaffen der Maler“ nahm, bei der Auswahl von Modellen half und den Malern, wie Bantzer sagte, ,,manch guten Rat bei der Auswahl“ gab. Daher war sie im Kreis der Künstler als Freundin und Mittlerin hoch­geschätzt. Entschieden zu hoch gegriffen ist jedoch die Ein­schätzung W. v. Reitzensteins: „Indem sie diente, wurde sie nach und nach unmerklich zur Herrin. Und indem sie herrsch­te, war sie zugleich eine uner­schöpfliche Spenderin“. (5)

Auch mutet es sehr akademisch an, Marthlies Dörr – als „Zuträge­rin“ – mit Dorothea Viehmann, der Märchenerzählerin aus Nie­derzwehren, zu vergleichen: ,,Was die Viehmännin in Niederzwehren den Brüdern Grimm war, das war und ist in anderer Art, doch nicht minder bedeutend, Marthlies Dörr den Willingshäuser Malern“. (6)

Marthlies Dörr und die Maler waren vor allem und ganz unpathetisch Freunde. Wie groß diese Freundschaft war, geht aus dem Bericht Carl Bantzers von der Reaktion der Marthlies Dörr auf den plötzli­chen Tod des Malers Eysoldt hervor: ,,Dörrs Marthlies, zu der er (Eysoldt) eine tiefe und reine Liebe gehabt hatte, schluchzte den ganzen Tag, als sie … die Todesanzeige erhalten hatte“. (7)

Mit ihren Malerfreun­den stand Marthlies Dörr über viele Jahre hinweg in Brief­wechsel und freute sich über je­den Besuch. (8) Sie selbst besuchte Carl Bantzer in Dresden, Prof. Sievceking in Zürich, sie sah Hamburg und Lübeck und war mehrfach Gast bei Ubbelohdes in Goßfeldcn und bei Zellers am Chiemsee.(9)

Zu dem Maler Wolfgang Zeller muß Marthlies Dörr eine besonders enge Beziehung gehabt haben. Davon zeugen nicht zuletzt mehrere Porträts der Stickerin von der Hand Zel­lers. Dafür spricht auch, daß Marthlies Dörr dem seit 1929 wieder jährlich in Willingshau­sen weilenden Maler Unter­kunft gewährte. (10) Als Zeller später ganz nach Willingshau­sen übersiedelte, blieb er dem Haus treu und ließ sich von der Nichte Marthlies Dörrs, Anna Katharina Kalbfleisch, umsor­gen.
Aber „nicht Allen gab sie einen dauernden Platz in ih­rem Herzen. Sie hielt es nur mit vornehmen Gemütern, moch­ten sie nach außen auch noch so rauh und seltsam erscheinen. Wem sie aber ihre Freundschaft gab, der blieb, wie es besonders Waentig und Zeller erfuhren, zeitlebens ihr Freund … „ (11)
Als Zeichen des Dankes erhielt Marthlies Dörr von den Malern „Bildgeschenke“, und es hingen in ihrem „Stübchen“ schließlich Originale und Re­produktionen von Werken Bantzers, Thielmanns, Giebels, Kätelhöns, Waentigs und Zel­lers.(12)

Marthlies Dörr als Stickerin

Marthlies Dörr in ihrer Stube beim Sticken. Foto Margarete Dieffenbach

Zweifellos profitierte auch Marthlies Dörr selbst vom Umgang mit Kunst und Künst­lern. Dennoch war es kühn zu behaupten, durch diesen Um­gang sei „sie mit den Jahren aus einer einfachen Bäuerin zu ei­ner wirklichen Künstlerin ge­worden, in der das Gewicht des Talentes dem des Charakters durchaus die Waage hielt“. (13)

Tatsache war, daß Marthlies als Dreizehnjährige von einer Berufsstickerin in die Anfangsgründe der Schwälmer Stickerei eingeführt worden war. Vermutlich stickte sie dann, wie viele Mädchen und Frauen, (14) neben ihrer Tätigkeit als Magd im Gasthaus Haase noch Auftragsarbeiten. Außer­dem unterrichtete sie die jungen Mädchen des Dorfes im Stic­ken. Als das Wirtshaus Haase 1927 aufgegeben wurde, mach­te sie den Neben- zum Haupter­werb.

Seit frühester Jugend hatte Marthlies Dörr ein sehr ausgeprägtes Interesse für die kunstvollen Stickereien ihrer Vorfahren gezeigt. Jetzt schick­te sie sich an, ihnen nachzuspü­ren und nachzueifern. Carl Bantzer notierte: ,,Das Marth­lies Dörr ist jetzt ausschließlich Stickerin. Mit feinstem Stilge­fühl schafft sie die schönen alten Schwälmer Stickmuster immer neu.“(15)

Die Befähigung der Marthlies Dörr als Stickerin wurde von den Malern mit Re­spekt und Anerkennung wahr­genommen. Es muß jedoch ent­schieden bezweifelt werden, daß die Maler „ihre Werke stets auf gleiche Stufe mit ihren eige­nen Kunstwerken“ stellten.(16) Dass dies nicht der Fall gewesen sein kann, wird bewiesen durch die Tatsache, dass Marthlies Dörr nie als Mitglied der Ver­einigung Malerstübchen zur Diskussion stand. Dagegen war die Witwe des Malers Wilhelm Thielmann aktives Mitglied dieser Vereinigung, was beson­ders deshalb von Interesse ist, weil diese beiden Frauen eines verband: die Stickerei.

Nach dem Tod ihres Mannes hatte sich Alexandra Thielmann ( l881-1966) vor die Notwendigkeit des selbständigen Gelderwerbs gestellt gese­hen. Der Gedanke, es den Schwälmerinnen gleich zu machen, zeigt wie sehr sich die aus Bad Wildunger bürgerli­chen Verhältnissen stammende Malersfrau den lokalen Gege­benheiten angepaßt hatte. ,,Es lebte da im Dorf eine bäuerliche Trachtenfrau, die als Stickerin einen Namen hatte, Martlies Dörr, die in ihrer Jugend die Maler betreute. Erfahren im Schmuckwesen der äußerst komplizierten Tracht, vor allem des Heiratsgutes der Frauen, wurde sie zur Anleiterin und Beraterin der Malersfrau.“ (17)

1924 eröffnete Alexan­dra Thielmann, selber zur Mei­sterin geworden, in Willings­hausen eine Werkstatt für Stickerei, in der sie Schwälmer Mädchen ausbildete und be­schäftigte. Um ihre Erzeugnisse auf den Markt zu bringen, reiste Alexandra Thielmann in die GroßsLädte „und war bald ständige Vertreterin hessischer Volkskunst auf der Leipziger Messe. Es gelang ihr so, eine Brücke von der bäuerlichen zur städtischen Kultur zu schlagen, denn sie begann unverzüglich mit der Verfeinerung und Aus­zierung der Muster für städti­schen Gebrauch.

So entstanden Tafeltücher und Gedecke edel­ster Art, Kissenbezüge usw., aber auch Kinderkittel und ent­zückende Trachtenpuppen, die später auch den Beifall der ame­rikanischen Besatzung fan­den … „
Im Unterschied dazu blieb Marthlies Dörr bei der Fertigung traditioneller Schwälmer und nicht auf städti­sche Bedürfnisse zugeschnitte­ner Stickereien.

Das Wirken von Marth­lies Dörr als Stickerin be­schränkte sich nicht auf ihr Heimatdorf und auf die gele­gentlichen Auftragsarbeiten außerhalb. Sie stellte sich auch Dörr 1936 von der Arbeitsge­meinschaft Volkskunst der Volksbildungsstätte Kassel nach Kassel eingeladen, ,,um als Abschluß einer Reihe volks­kundlicher Vorträge einen kurzen Lehrgang über die Grundtechnik Schwälmer Bau­ernstickerei abzuhalten“.

Der Berichterstatter notierte in zeit­gemäßer Begeisterung: ,,Ihre mitgebrachten Arbeiten sind ein sprechender Beweis dafür, welche Wunderwerke diese bo­denständige echte Bauernkunst schaffen, welche unerhört schwierige und mühselige Tech­niken die Hand, die sommer­tags auch bei der Feldarbeit zu­zupacken versteht, zu meistern vermag“.
Die kurhessische Lan­deszeitung führte aus diesem Anlaß ein Interview mit Marth­lies Dörr, das hier vollständig wiedergegeben werden soll, in der Hoffnung, daß es weitge­hend authentisch ist. (19)

Interview mit Marthlies Dörr, 1936

„Ich sticke schon seit meinem dreizehnten Lebens­jahr von meiner Urgroßmutter, die eine ausgezeichnete Sticke­rin war, ist mir diese Fertigkeit und die Lust daran vererbt wor­den. Mein Vater war dreißig Jahre lang Gemeinderechnungsführer in Willingshausen. Auch er interessierte sich immer mehr für Bücher, vor allem für geschichtliche und volkskundli­che, denn für Bauernarbeit. Und so ist es wohl gekommen, daß der Wunsch, einmal eine gute Bäuerin auf einem Schwäl­mer Hof zu werden, zurücktrat vor der Liebe zu meiner Sticke­rei und dem Interesse an Buch und Schrift. Selbstverständlich kenne ich mich auch in allen Hofarbeiten gründlich aus, denn ich lebe ja mit auf dem Anwesen meines Bruders (rich­tig: Schwager (20), und wenn sommertags Not am Manne ist, dann springe ich natürlich im­mer mit ein, sonst aber sitze ich am Stickrahmen.
Schon als Dreizehnjähri­ge habe ich bei einer Berufsstic­kerin, deren es in jedem Dorf eine oder auch zwei gibt, die Technik gelernt. Von meinem fünfzehnten Lebensjahr ab aber habe ich selbst den ganzen Mädchen das Sticken beige­bracht.“

Und was arbeiten Sie nun in der Hauptsache?
,,Zu­nächst natürlich alle Stickereien für die Tracht unserer Frauen und Mädchen. Da sind die zu­meist sehr reich mit Goldfa­den reiche Bauerntöchter und -fraucn tuen es nicht unter echtem Gold und viel bunten Perlen bestickten Bruststücke für die Festkleider, da sind die nicht minder kunstvoll und kostbar gearbeiteten Ecken, die man über der weißen (21) Leinen­schürze trägt. Da ist das Mieder mit seinen weiten, reich bestick­ten Ärmeln, und da sind schließlich die kleinen Käpp­chen, die leider seit Urgroßmut­ters Zeiten, als man noch ebenso kunstvoll handgearbei­tete, wie kleidsame Häubchen trug, heute nur noch ein winzi­ges Fragment des ehemaligen Kopfputzes sind. Es sind lustige bunte Strumpfbänder zu stic­ken und Zierknöpfe herzustel­len, wozu man eine Holzform nach verschiedenen Mustern mit Seidenfäden umspannt.

Eine Fülle von Arbeit. Und da­bei habe ich noch die langen weißen handgestrickten Strümpfe vergessen, für die man sich –das ist Ehrensache – im­mer wieder eine neue Strickar­beit ausdenkt! Auf die gleiche Weise werden auch die weißen Handschuhe für den Winter ge­arbeitet, die neuerdings auch in der Großstadt sehr begehrt sind.“

Fertigen Sie denn auch die Stickereien für die blauen Leinenkittel der Männer an, in denen diese sommertags hinter ihren Buttertischen am Königs­platz stehen?
„Noch nicht! Die einzige Stickerei, die wir Frauen nicht ausführen! Die Achselstücke, Hals-und Armbündchen gehö­ren mit zur Arbeit des Schnei­ders, der auch die reich mit Stickereien versehenen Kami­sols, die unsere Männer zum Kirchgang tragen, herstellt.“

Haben Sie eigentlich bestimmte Muster, nach denen Sie all die schönen Dinge arbei­ten?

Schnur“ gestickt von Marthlies Dörr. Foto Margaret Dieffenbach vor 1936

„Gewiß! In den meisten Familien werden, von Genera­tion auf Generation vererbt, be­sonders wertvolle Handarbeiten mit alten überlieferten Bauern­mustern verwahrt. Die benutze ich natürlich als Grundlage. Trotzdem wandle ich dieses Muster nach meiner Phantasie ab und denke mir für jede Stic­kerei immer wieder etwas Neues aus! Und es ist mein ganzer Stolz und mein Bestreben, daß ich in meinen Arbeiten so wenig wie möglich Konzessionen an den modernen Geschmack der Großstadt mache.“
„Und verkaufen Sie nun auch viel von Ihren Arbeiten? Haben Sie gute Abnehmer da­für?“
,,Ich schicke viele mei­ner Dinge auf Ausstellungen, und zwar meistens zusammen mit den Stickereien der Stick­schule der Frau des Professors Thielmann in Willingshausen, die als Malerin viel Interesse und große Liebe an unserer Schwälmer Volkskunst fand und heute selbst die schönsten Muster entwirft und in ihrer Stickschule ausführen läßt. Die Arbeiten ihrer Schule haben im Reich guten Ruf, und wenn ihre Stickereien auf Ausstellun­gen wandern, dann ist meistens – wie auch unlängst auf der großen Hessenschau in Berlin – ein Korb von meinen Arbeiten mit dabei. Oft fahre ich dann auch selbst mit in die Großstädte und erzähle von un­serem Schaffen und führe etwas von der Technik vor.“

Also ist die ruhelose Großstadt für Sie in ihrem idyl­lischen Schwalmdörfchen auch gar nichts Fremdes?
„O nein! Ich bin sogar schon in der Schweiz gewesen. Vier Monate habe ich in Zürich im Auftrag einer Dame, die ein­mal bei uns in Willingshausen war, allerhand Weißstickereien gearbeitet“.
„Alle Achtung“ Sie sind ja eine weitgcreiste Frau. Si­cherlich bekommen Sie auch während der Sommermonate so manchen Besuch, den der Ruf Ihrer schönen Arbeiten und die Neugier in Ihr Stübchen treibt?“
,,Und ob! Viele Som­merfrischler schauen sich meine Stickereien an. Dann kommen auch Professoren der Universi­täten Frankfurt und Marburg und lassen sich von mir über Schwälmer Sitten und Gebräu­che berichten. Manche Aufnah­me ist schon gemacht worden von den Dingen, die ich noch aus Urgroßmutters Tagen auf­bewahre. Man hat meine Hän­de bei der Arbeit photogra­phiert. Und der bayrische Maler namens Zeller (22) hat mich in meinem Stübchen am Stickrahmen gemalt.
Ein Marburger Baurat (23) hat von einer besonders wohlge­lungenen Arbeit, einem gestick­ten Handtuch, eine Lichtpause angefertigt, weil Schlichtheit emd Schönheit des Entwurfs so gefielen. Manche Frau hat sich diese Pause schon ausgeliehen und danach zu sticken versucht, aber etwas Rechtes ist halt nie daraus geworden.“

Vom Nachleben der Marthlies Dörr

Am 19. Januar 1939 starb Marthlies Dörr. Noch im April 1941 schrieb Bantzer an Zeller: ,,Das gute Marthlies fehlt uns sehr“. (24)
Unterdessen hatte der sich zu den Willingshäusern hingezogen fühlende Kasseler Schriftsteller Werner Freiherr von Reitzenstein in der Zeit­schrift „Hessenland“ einen bio­graphischen Nachruf auf Marthlies Dörr verfaßt; wir ha­ben bereits des öfteren aus die­ser im höchsten Maße ihrer Entstehungszcit verpflichteten Arbeit zitiert. Bantzer, der das Manuskript zur Durchsicht er­hielt, schrieb, daß der Aufsatz „sehr warmherzig und besser ist, als ich von dem alles ins He­roische steigernden Reitzenstein erwartet hatte. Sehr schön ist besonders der Anfang des Auf­satzes“. Aus jedem weiteren Satz geht jedoch hervor, daß Bantzer dem Beitrag eher reserviert gegenüberstand. Zum Schluß urteilte er: ,,Ich für mei­ne Person sehe alles an Mar­thlies schlichter und dadurch echter“. (25) Dennoch empfand Carl Bantzer als „die besten Worte für das Marthlies“ den von zeitbedingtcn Allgemein­plätzen nicht freien Nachruf aus dem Munde von Hermann Kä­telhön. (26): ,,In voller Reinheit und unbewußt schaffte und ge­staltete sie aus dem Born, der unser ganzes Volk tränkt. In ihr war noch alles lebendig, was uns alle zum künstlerischen Schaffen zwingt“. (27)

Das Erscheinen des Reit­zenstein‘schen Textes ist in mehrerlei Hinsicht bemerkens­wert. Zum einen wegen seiner Länge von sechs Druckseiten, die aus dem Nachruf einen veri­tablen Aufsatz, eine Biographie machte. Zum anderen, daß er überhaupt in einer Zeitschrift wie „Hessenland“ abgedruckt wurde. Dieses war zweifellos auf die tatsächliche oder vermeint­liche Wertschätzung der Volks­kunst durch die neuen Macht­haber zurückzuführen, auf deren Geschmack der Beitrag auf weiten Strecken zugeschnit­ten ist.

Heinrich Giebel Stickerin Mathlies Dörr

Marthlies Dörr lebt aber noch auf andere Art weiter: im Bild, genauer in den Gemälden, Zeichnungen und Fotografien der „Willingshäuser“. Es soll insgesamt sieben größere Bilder von ihr geben oder gegeben ha­ben: eines von Heinrich Giebel, fünf von Wolfgang Zeller, eines von Walter Waentig und viele Zeichnungen von Wilhelm Thielmann. (28) Carl Bantzer da­gegen hat Marthlies Dörr über­haupt nicht gezeichnet oder ge­malt.

Am bekanntesten wurde Heinrich Giebels Gemälde „Die Stickerin Marthlies Dörr“ aus dem Jahr 1926. (29) Sie ist mit ih­rem Stickrahmen am Fenster sitzend dargestellt. (Abb. 126) Wie das seitenverkehrte Gegen­stück zu diesem Gemälde wirkt eine der Fotografien von Mar­garethe Dieffenbach (Abb. 125). (30) „Im Unterschied zu Heinrich Giebels Porträt sind Einzelheiten des Stickwerks sichtbar. Frau Dörr arbeitet an verschiedenen Bändern und Kappenbödcn, die mit Bunt­stickereien ausgeschmückt wer­den. Im Vergleich zu dem Foto scheint Giebels Gemälde durch seine künstlerische Aufberei­tung und Gestaltung ein weni­ger authentisches Bild der Ar­beitssituation von Frau Dörr zu liefern“. (31) Heinrich Giebels In­tentionen gingen nicht dahin, die Tätigkeit der Stickerin zu dokumentieren, wenn er sie auch bei der Arbeit zeigte. Ihm ging es um die Persönlichkeit; und so war es sicher kein Zufall, daß ihr Porträt, wie glaubhaft versichert wurde (32), ,,absolut ähnlich“ ausfiel. Durch die Überlieferung sowohl des Fotos als auch des Gemäldes wird klar, auf welche Weise Giebel Abstraktionen und Schönungen der Realität vorgenommen hat.

Signifikant ist die Wiedergabe des Fensters, das bei Giebel fast die gesamte Bildbreite ein­nimmt und die Person der Stic­kerin einschließlich Stickrah­men und Stuhl voll hinterfangt. So wird, im Gegensatz zur spär­lichen Lichtquelle der Fotogra­fie, das Fenster zum Motiv, vor dem sich das Geschehen ab­spielt. Es ist deshalb wichtig zu beobachten, daß Heinrich Gie­bel auf alles in der Realität vor­handene Detail, wie Blumen­topf und Fensterrahmen, verzichtet hat, dagegen aber der Gardine eine lichte Fülle verlieh, die erheblich zur heite­ren Bildwirkung beiträgt, die nicht zuletzt durch den Aus­blick auf einen frühlingshaft wirkenden Garten unterstri­chen wird. Auch bei der Dar­stellung der Person der Sticke­rin war Giebel um die Vermittlung eines heiteren, nicht an Arbeit denken lassen­den Eindrucks bemüht. Auffal­lend ist insbesondere das fast graziös wirkende Spiel der Hän­de. Während auf der Fotografie von Dieffenbach von der stikckenden Hand nur die runde Faust zu sehen ist, zeigt Giebel die differenziert gebeugten und ausgestreckten Finger von Hän­den, die keiner Frau vom Lande zu gehören scheinen.

Marthlies Dörr hat of­fen bar sehr wohl verstanden, warum man „meine Hände bei der Arbeit photographiert“ hat, denn sie berichtete in dem oben wiedergegebenen Interview da­von. (33) Die Fotografin, Marga­rethe Dieffenbach, hat wieder­holt das Augenmerk des Betrachters auf die Hände der Stickerin gelenkt. Doch so, daß nicht etwa eine Klärung des Stickvorgangs beabsichtigt ge­wesen sein kann, denn es lassen sich nicht einmal Nadel und Fa­den erkennen; sondern so, daß die offensichtlich an Arbeit ge­wöhnten Hände im Kontrast zur Feinheit und Schönheit der herzustellenden Stickwerke ins Auge fallen. Aus diesem Kon­trast sollte die Fotografie ihre Aussagekraft als „Allegorie der Arbeit“ beziehen.

Wolfgang Zeller: Kind im Festschmuck mit Marthlies Dörr als Schappelfrau.

Außer Heinrich Giebel soll, nach Aussage von Marth­lies Dörr, auch Wolfgang Zeller die Stickerin in ihrem „Stüb­chen“ am Stickrahmen gemalt haben. (34) Ein weiteres Gemälde Zellers ist als Porträt der älteren Marthlies Dörr aufzufassen, aus dem das für diesen Maler cha­rakteristische Interesse an der Erfassung der Persönlichkeit durch die Wiedergabe ihrer Ge­sichtszüge spricht. Wolfgang Zeller hat sich am eingehend­sten um die bildnerische Erfas­sung des Wesens und Charak­ters von Marthlies Dörr bemüht.

Zeller ging es auch dann noch um persönliche Befind­lichkeiten, wenn die Situation zu einer ganz anderen Art der Darstellung geradezu verlock­ten. So hat er bei dem Aquarell „Kind im Festschmuck“ von 1934 zwar die Stickerin Marth­lies Dörr in ihrer Funktion als „Schappelfrau“ und auch das von ihr „gebretterte“ Kind im Schmuck seiner festlichen Tracht wiedergegeben. Aber letztendlich geriet ihm doch die Gestalt der Marthlies Dörr zu einem Dokument der Gewissen­haftigkeit und der selbstver­ständlichen Pflichterfüllung, das kleine Mädchen hingegen zur Verkörperung der Duld­samkeit und vielleicht auch der prüfenden Frage nach dem Sinn der Tradition.

Von dergleichen Gefüh­len unbehelligt bleiben die in nahezu derselben Situation dar­gestellten Personen auf Walter Waentigs Gemälde „Kathrin wird gebrettert“. Wieder ist es Marthlies Dörr, die bei der fest­täglichen Ausstaffierung des kleinen Mädchens Kathrin Wagner letzte Hand anlegt. Für die Aussage dieses Bildes ist es wichtig, daß nicht irgendein Zwischenstadium wiedergege­ben wird, sondern die Endpha­se. Dem Maler geht es darum, das Kind zu präsentieren. ,,Das prunkvolle Erscheinungsbild wird hierbei mit der Tätigkeit der Näherin in einen realen Zu­sammenhang gebracht, die Ar­beit wird aber weitgehend in Form eines Ergebnisses im Bild thematisiert“. (35) Nicht absichts­los hat deshalb Waentig nicht, wie Zeller, die leichte Seitenan­sicht gewählt, sondern die fron­tale. Während sich die hinter dem Mädchen sitzende „Schap­pelfrau“ mit dem Kopf leicht aus der Bildmitte neigt, aber durch das von rechts einfallende Licht noch hinlänglich hervor­gehoben wird, steht das „ge­bretterte“ Mädchen aufrecht in der Bildmitte. Als habe die Stic­kerin einen Leistungsnachweis zu erbringen, wird das Kind als Objekt der Schaulust dem Be­trachter präsentiert. Walter Waentig faßte die schappelndc Marthlies als Produzentin eines ,,Kunstwerks“ auf, das in Ge­stalt des in Festtagstracht ge­kleideten Mädchens zum Mit­telpunkt des Bildgeschehens erhoben wurde.

Katrin wird gebrettert – Gemälde von Walter Waentig (Marthlies Dörr und Ka­thrinchen Wagner)

Die beachtliche Zahl der bildlichen Wiedergaben von Marthlies Dörr legt die Frage nahe, warum sie – und nicht etwa die in gleicher Weise tätige Alexandra Thielmann – so oft und intensiv das Interesse der Maler und Fotografen erregte. Aus der Analyse der Bilder darf die These formuliert werden, daß es den Künstlern erst in zweiter Linie um ihre Tätigkeit als Stickerin ging. In erster Li­nie interessant war Marthlies Dörr aufgrund ihrer bäuerli­chen Ausstrahlung, d.h. auf­grund des äußerlichen Fak­tums, daß sie die Tracht trug, die sie als Angehörige der bäu­erlichen Gesellschaft in der Schwalm auswies. Damit war sie für die Bildkünstler der 1930er Jahre von genau demselben Interesse wie der Müller Schmidt aus Merzhausen, von dem eine ähnlich große Anzahl von Bildbelegen wie von Marthlies Dörr aus Willings­hausen überliefert ist. (36)

Redaktioneller Hinweis
Dieser profunde Beitrag der Kunsthistorikerin Angelika Bauemerth (1951 – 2001) wurde veröffentlicht in Hessische Heimat, 1993 – Heft 3, Seite 116 -123
Die Lizenz für die Veröffentlichung in Art Willingshausen erteilt freundlich Johannes Baeumerth.

Literatur
Pflegemulter bodenständiger Hei­matkunst. Ein Besuch bei Martlies Dörr aus Willingshausen während ihres Kasseler Aufenthalts. In: Kur­hessische Landeszeitung, Heimatzeitung, 22.1.1936 (In: HStA Mar­burg, 304 Bantzer, 85)
Carl Bantzer: Hessen in der deut­schen Malerei. 2. Ausgabe. Mar­burg 1939, S. 79-80
Werner Freiherr von Reitzenstein: Marthlies Dörr, der Schwälmer Stickerin und Malerfreundin zum Gedächtnis. In: Hessenland, Jg. 49. Marburg 1938, S. 100 – 105
Adolf Spamer: Hessische Volks­kunst. Jena 1939
Karl Rumpf: Deutsche Volks­kunst Hessen. Neue Folge. Mar­burg/Lahn 1951, bes. S. 16
Konrad Kaiser: Die Malerkolonie Willingshausen. Kassel 1980
Andreas Bantzer (Hrsg.): Carl Bantzer. Ein Leben in Briefen. Ah­natal 1983
August Gandert/Brunhilde Miehe: Handwerk und Volkskunst in der Schwalm. Schwalmstadt o.J. ( 1983), bes. S. 102 ff.
Wolfgang Sehellmann u.a.: Marga­rethe Dieffcnbach. Hessischer Trachtenalltag. Tracht als Spiegel ländlicher Lebensweisen 1925 – 1935. Frankfurt am Main 1983, bes. S. 164 ff.
Bettina von Andrian-Werburg: Sehwälmer Arbeitswelt in der Sicht der Willingshäuser Künstler des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Diss. Marburg 1990, bes. S. 138 ff.

Anmerkungen
1 Aussage von Marianne Heine­mann, Tochter des Malers Wil­helm Thielmann und der Leite­rin der Werkstatt für Stickerei in Willingshausen, Alexandra Thielmann, in einem Brief an die Verfasserin.
Die Recherchen für diesen Bei­trag gestalteten sich schwieriger als zunächst vermutet, da sich die umfassendste Arbeit über Marthlies Dörr, von W. v. Reit­zenstein, immer mehr als nicht nur tendenziöse, sondern auch unrichtige Darstellung heraus­stellte.

Ganz besonders zu verdanken habe ich diese Erkenntnis den Korrekturen und Aussagen von Marianne Heinemann und Anna Katharina Grein, beide in Willingshausen. Für Unterstüt­zung zu danken habe ich auch Petra Bambey, Frielcndorf, und Ulla Merle, Marburg.

2 Bantzer, Hessen, S. 79; Reitzenstein, S. 101. Nach Bantzer war Marthlies Dörr „einige Jahrzehnte“, nach von Reitzenstein nur 15 Jahre lang im Gast­­haus Haase beschäftigt.
3 Reitzenstein, S. 102
4 Bantzer, Briefe, S. 324; Reitzenstein, S. 104
5 Reitzenstein, S. 101
6 Reitzenstein, S. 101
7 Bantzer, Hessen, S. 289. Frü­­here Erwähnungen von „Mar­thlies“ durch Bantzer wurden hier außer acht gelassen, da of­fensichtlich zwei Personen glei­chen Vornamens existierten, die ohne Nennung des Nachnamens nicht eindeutig identifiziert wer­den können.
8 Bantzer, Briefe, S. 80
9 Reitzenstein, S. 104
10 Bantzer, Briefe, S. 3 I 9
11 Reitzenstein, S. 101
12 Reitzenstein, S. 102
13 Reitzenstein, S. 102
14 von Andrian, S. 141
15 Bantzer, Hessen, S. 80
16 Reitzenstein, S. 105
17 Werner von Reitzenstein: Bäu­erliche Kunst im Blickpunkt un­serer Zeit, eine Studie zum 30jährigen Bestehen der Thiel­mann‘schen Werkstatt in Wil­lingshausen. In: Hessische Hei­mat, H. 3, 1957/58, S. 14 – 18; Heinz Rübeling: Zum 85. Ge­burtstag von Frau Alexandra Thielmann, Hüterin hessischer Volkskunst. In: Hessische Hei­mat, Jg. 16, H. 2. Marburg 1966, S. 64-67; Luise Pickert: Frau Alexandra Thielmann zum 80. Geburtstag am 4. Juli 1961. In: Hessische Heimat, Jg. 11, H. 4. Marburg 1961, S. 31­­
18 Reitzenstein, S. 104
19 Kurhessische Landeszeitung 22.1.1936
20 Auskunft von M. Heinemann, Willingshausen
21 M. Heinemann: Es muß heißen ,,dunkelen Leinenschürze“.
22 Gemeint ist der damals in Über­see am Chiemsee wohnende Maler Wolfgang Zeller, der aus Plauen/Vogtland gebürtig war und schon um die Jahrhundert­wende mit Carl Bantzer nach Willingshausen kam, wohin er im Alter übersiedelte, starb und begraben liegt.
23 Gemeint ist offenbar Karl Rumpf, der in seinem Werk ,,Deutsche Volkskunst – Hes­sen“ Marthlies Dörr erwähnt (S. I6) und eine Stickarbeit von ihr abbildet (Abb. 39); außer­dem weitere Schwälmer Arbei­ten, u.a. aus Willingshausen. Diese Abbildungen auch bei Rumpf, Weißstickereien, Taf. 24 28 u. bes. Taf. 29
24 Bantzer, Briefe, S. 339
25 Bantzer, Briefe, S. 323-324
26 Bantzer, Briefe, S. 323
27 Zitiert nach Reitzenstein, S. 100
28 Reitzenstein, S. 105
29 Das Gemälde befand sich im Universitätsmuseum Marburg. Laut Notiz im Bildarchiv Foto Marburg zerstört. Es existiert nur noch das Foto einer Besu­cherin.
Abbildungen in: Bantzer, Hes­sen, S. 79-80; von Reitzenstein, S. 104; Rumpf, Weißstickereien, Titelbild; Martin Giebel: Hein­rich Giebel. In: Schwälmer Jahrbuch 1978, S. 149; von An­drian, S. 142-143
30 Spamer, Vorsatzblatt; von An­drian, S. 143 fälschlich als Fo­tografie von Wolfgang Zeller (Quelle:,Antiquariat“) be­zeichnet von Jürgen Wollmann: Die Willingshäuser Malerkolo­nie und die Malerkolonie Klein­sassen, S. 466
31 von Andrian,S. 143
32 Aussage von Marianne Heine­mann, Willingshausen.
33 Gemeint sind die Fotografien von Margarethe Dieffenbach. Siehe Abb. …. in diesem Heft. Schwalmstadt o.J. ( 1992), S. 466
34 Kurhessische Landeszeitung, 22.1.1936. – Der Verbleib des Werkes ist unbekannt.
35 von Andrian, S. 149-150
36 Angelika Baeumerth/Claudia Gabriele Philipp: Ein Müller als Modell. In: Th. Hans-Dieter Scholz: Wasser- und Windmüh­len in Kurhessen und Waldeck­-Pyrmont, Bd. 1. Kaufungen 1991, S. 236-245